Trapper John

„Gans am Boden“ – so müsste, hätte ich mich nicht für eine andere Nomenklatur entschieden, die heutige Tagesüberschrift lauten. Rühren können wir uns beide keinen Millimeter mehr, und die dünne Matte zwischen uns und dem Fußboden vermag unsere Schmerzen kaum zu lindern.

Werfen wir einen Blick ca. 2 Wochen zurück: nach unseren positiven Erfahrungen in Japan war uns klar, dass wir auf jeden Fall auch hier in einem buddhistischen Tempel übernachten werden. Google spuckte entlang unserer geplanten Reiseroute 2 in Frage kommende Tempel aus. Einer bot ein Wellness-Programm an, der andere warb mit dem Höhepunkt der Silla-Architektur und damit, das Epizentrum der koreanischen martialischen Künste (Sunmudo) zu sein. Für mich war die Entscheidung von vornherein klar, rein pro Forma fragte ich B. nach ihrer Meinung. Sehr zu meiner Verwunderung entschied sie sich für letztere Alternative („Jo, is‘ mal was anderes“).

Das der Tempel-Aufenthalt etwas anders als in Japan ablaufen könnte, wurde mir schon mit der Buchungsbestätigung klar: dort wurde mir die Reservierung für 2 private Zellen bestätigt. 2? – Warum 2? Wir sind doch nur zu zweit! Auf meine Rückfrage wurde mir in rudimentärem Englisch bestätigt, dass alles seine Richtigkeit habe.

Empfangen wurden wir von einer US-amerikanischen Praktikantin, die uns zunächst Ordens-konform einkleidete („Orange is the new Black“) und uns danach mit dem äußerst stramm organisierten Tagesablauf bekannt machte. Zuerst eine kurze Besichtigung unserer Schlafquartiere: karge, aber ordentliche Zimmer, die problemlos für 3-4 (gleichgeschlechtliche) Insassen, pardon, Gäste gereicht hätten. Statt Bett gibt es eine dünne Stroh-Matte, das Bettzeug  hat eine Art Dauer-Bezug … keine Ahnung, wie ich das richtig ausdrücken soll … was ich damit sagen will: es wird garantiert selten bis nie gewaschen.

Was soll’s, allzulang Zeit, uns an solch Kleinigkeiten zu stören, haben wir ohnehin nicht. Auf dem Programm stehen gemeinnützige Arbeit, eine Kampfsport-Demonstration, Gesang, Meditation und körperliche Ertüchtigung (Zitat US-Praktikantin: „the evening training can get a little tough“). Schon die Weitläufigkeit des Tempel-Geländes stellt eine echte Herausforderung an unsere Physis dar: der Weg von unserer Unterkunft zum Haupt-Tempel, wo die zeremoniellen Akte stattfinden, führt 20 Minuten lang einen richtig, richtig steilen Berg hoch. Immerhin können wir uns während der Vorführung der Kampfkunst einigermaßen erholen.

Danach haben wir tatsächlich fast 1/2 Stunde Freizeit. Die nutzen wir, um die koreanischen National-Heiligtümer 17, 21, 42 und was weiß ich noch (im Wesentlichen alles verschiedene Buddha-Figuren) zu besichtigen. Dabei schlage ich mir ungeschickterweise mein Knie so heftig an, dass mir nicht klar ist, ob die Sterne vor meinen Augen von den Schmerzen oder der spirituellen Erleuchtung herrühren. Der fette Bluterguss lässt ersteres wahrscheinlicher erscheinen.

Das Abendessen findet, wie das Schlafen, geschlechtergetrennt statt. Macht aber nicht wirklich was, da während des Essens ohnehin ein Schweigegebot gilt. Das empfinde ich ziemlich positiv. Endlich mal kein obligatorischer Herbergs-Smalltalk („Waht’s your name? – Where you’re from? – Lovely! Amazing!“). Über das Essen kann man auch nicht klagen: Reis, Gemüse, Kim-Chi, Tofu. Natürlich kein Fleisch oder tierische Produkte. So stellt man sich authentische Kampfmönchs-Kost vor. Das Bild wird allerdings etwas gestört, als der Obermotz der Mönche (Abt/ „Grandmaster“) vor unseren Augen feinstes Rinderfilet mit Schweinebauch an Wachtelbrüstchen von 7 Jungfrauen serviert bekommt (Birgit behauptet zwar, ich hätte das im Fleisch-Entzug nur halluziniert, aber  schließlich war sie ja bei der Männer-Speisung nicht zugegen).

Immerhin lag das Essen nicht zu schwer im Magen, denn unmittelbar danach ging’s beim Training rustikal zur Sache. Zunächst erhielten wir eine kurze Einleitung in den Kniefall, der im buddhistischen Alltag etwa die Rolle des Händeschüttelns oder der Frage „hallo, wie geht’s?“ einnimmt. Danach wurden wir mit einer Mischung aus Power-Yoga und Kampfsport-Moves gequält, bis uns Buttermilch aus dem A****loch rann. Wahrscheinlich lag es an der Sprach-Barriere, dass unser Vorturner einfach nicht verstehen wollte, dass ich keinen Spagat beherrsche.

Nach dem Training war Wegschluss und Lights-Out. Hier brachen sich unsere rebellischen Gemüter dann doch noch Bahn. Wir verstießen gegen jegliche Tempel-Regel: Birgit schmuggelte sich in meine Zelle, wir aßen eingeschmuggelte Hartwurst und tranken eingeschmuggelten Reis-Schnaps.

Als wir um 4 Uhr früh vom großen Gong geweckt wurden (mittlerweile natürlich wieder jeder auf seiner eigenen Stroh-Matte), wussten wir nicht, ob das Fluch oder Segen ist. Zumindest taten uns die Knochen nach den paar Stunden versuchten Schlafs tendenziell eher noch mehr weh. Wieder ging’s besagten Berg hoch zum Tempel, diesmal aber noch etwas gebremster. Es folgten zeremonieller Singsang, Meditation (sitzend + laufend), Frühstück (Reis, Gemüse, Kim-Chi) und Training. Zugegebenermaßen: das Morgen-Training war weit weniger fordernd als das vom Vorabend, das hätten wir aber auch nicht noch einmal durchgestanden.

Höhepunkt unseres Aufenthalts war eine Tee-Zeremonie mit dem Obermotz. Jener „sehr intelligente Mann“ (Zitat US-Praktikantin) wollte von uns wissen, warum in Deutschland 1933 die Nazis Fuß fassen konnten. Die, mit uns angereisten, französischen Medizin-Studentinnen fragte er, ob Napoleon wirklich auf St. Helena gestorben sei. Er hätte in einem Spielfilm gesehen, dass anstatt Napoleon ein Double ins Exil geschickt worden sei. Ich hätte gerne erwidert, dass wissenschaftlich erwiesene Verschwörungstheorien belegen, dass statt Hitler 1945 auch ein Double im Führerbunker gestorben sei, aber das erschien mir dann doch ziemlich respektlos gegenüber unserem Großmeister.

Quasi als Souvenir durften wir zum Abschied unter der Aufsicht einer russischen Praktikantin noch geschmeidige 108 Kniefälle  zu Ehren Buddhas machen, die u.a. dazu führten, dass Birgit nach der Hälfte aufgab und mein (ohnehin schon angeschlagenes) Knie zu Ballon-Größe angeschwollen ist.

Auf das im Preis enthaltene Mittagessen (Reis, Gemüse, Kim-Chi) verzichteten wir dankend.

 

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