The English is not the yellow from the egg

Manche lernen’s einfach nicht: wiedermal sitzen wir, in freudiger Erwartung eines Lounge-Frühstücks, viel zu früh mit knurrendem Magen an einem Flughafen und warten, daß unser Checkin-Schalter in 2 Stunden aufmacht.

Also machen wir aus der Not eine Tugend und nutzen die Zeit, um auf die vergangenen Tage hier in Lijiang zurückzublicken.

Lijiang wird im Reiseführer als wunderschöne Stadt beschrieben. Und tatsächlich hat die von Wasserläufen und Boxerbrücken durchzogene Altstadt durchaus ihre Reize. Aber: in den schmuck hergerichteten historischen Häusern reihen sich Schmuck- an Teeläden und diese wiederum an Reisebureaus und Shops, in denen Trommeln verkauft werden. Dazwischen findet sich ab und zu mal ein Futterstand, an dem präferiert mit Blüten gefüllte süße Teiglinge verkauft werden.

Das ganze erinnert stark an die dörfliche Idylle des Outlets in Roermond, allerdings muss man hier, im Gegensatz zu dort, 80 Rimbimbes Eintritt zur Erhaltung des Weltkulturerbes zahlen (um die wir uns 3 Tage lang erfolgreich gedrückt haben).

Das hält die Touristen aber nicht davon ab, sich in Massen durch die Gassen zu quetschen. Einzig in die Trommel-Läden, von denen es viele Dutzende gibt, verirrt sich selten einer. Dieses Bild hat sich uns ins Gedächtnis gebrannt: eine gelangweilte Verkäuferin schlägt mit einer Hand die Trommel zur immer gleichen Hintergrundmusik, während sie mit der anderen auf dem Handy spielt.

Apropos Handy: die Chinesen, besonders die Chinesinnen, scheinen 2 Dinge über alles zu lieben: ihr Handy und ihr eigenes Abbild. Der Selfiestick, der es bei uns allenfalls als „Deppenzepter“ zu einigem zweifelhaften Ruhm gebracht hat, ist hier allgegenwärtig. Neu für uns war, daß man damit auch telefonieren kann. Man muss nur laut genug schreien. Und wenn gerade nicht gebrüllt wird, wird fleißig der Selbstfotographie gefrönt.

Ich will versuchen, eine Schlüsselszene zu beschreiben: am Blauen Mondsee hockt eine junge Chinesin in historischem Gewand (das man überall für wenig Geld mieten kann) auf einem kippligen Stein im Wasser, bemüht sich, das Kleid so zu raffen, daß es nicht total durchnässt, balanciert den Selfiestick und versucht mit der freien Hand, ein paar Wassertropfen zwischen Linse und Duckface zu arrangieren. Man kann davon halten, was man will, aber das erfordert auf jeden Fall einiges an Körperbeherrschung.

Und wenn ausnahmsweise mal nicht telefoniert oder geselfiet wird, dann wird getippt. Gestern saß beim Abendessen eine junge Frau neben uns, die mit einem Handy an’s Ohr geklemmt (immerhin nicht am fernen Ende eines Selfiesticks) telefonierte, auf einem anderen tippte und sich von alledem nicht vom Essen abhalten ließ. Ich mutmaße mal, sie chattete mit ihrer Freundin gegenüber am Tisch, denn auch die war in’s Tippen vertieft.

Zurück zu Lijiang: die Stadt ist also durch und durch touristisch geprägt. Allerdings scheinen die Touristen zu 99,999+ % Inländer zu sein. Die Läden sind zwar alle in, mehr oder weniger fehlerfreiem, Englisch beschriftet, aber das ist eigentlich unnötig: der erfahrene Traveller erkennt einen Schmuck- oder Trommelladen nach einiger Zeit auch anhand der chinesischen Schriftzeichen. Oder noch einfacher daran, daß es dort Schmuck oder Trommeln (inkl. gelangweilter Verkäuferin mit Handy) gibt. Ansonsten entspricht die allgemeine Kenntnis der englischen Sprache dem Bedarf: ziemlich genau Null.

Normalerweise sind wir westlichen Reisenden es gewohnt, daß wir, zumindest in den Touristen-Hochburgen, den Nabel der Welt darstellen. Mittlerweile haben wir zwar schon durchaus mal die Erfahrung gemacht, daß wir nichtmal im Ansatz verstanden werden, aber das war dann weit abseits der „ausgetretenen Pfade“ (z.B. bei den Bauern im vietnamesischen Hochland).

Hier hingegen wird, ohne weiteres Nachdenken, unterstellt, daß man Chinesisch könne. Wenn wir etwas nicht verstehen, wird es einmal etwas lauter und nachdrücklicher wiederholt. Wenn wir es dann immer noch nicht kapieren, ist das ausschließlich unser Problem, nicht das des Gegenübers. Schließlich braucht der Taxler nur eine Minute auf den nächsten Fahrgast, der seine Sprache spricht, zu warten und das Restaurant wird den Tisch schnell mit jemandem besetzen, der die Speisekarte lesen kann.

Diese Verhalten war für uns neu und auch ziemlich befremdlich, als ich mir dann aber überlegt habe, wie ein Chinese (oder auch ein Amerikaner, Italiener oder Norddeutscher) sich beim Bestellen im Kupferkessel in Waging am See fühlen muss, kam mir der Gedanke, daß wir uns erstmal an die eigene (lange) Nase fassen sollten.

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