Geschröpft

Meine gestrigen Ergüsse habe ich gerade wegen Unschönheit in’s Bitklo gespült, nun also der zweite Versuch. Der Tag begann mit einer angenehmen Überraschung: unser Gepäck ist tatsächlich gestern früh vollständig hier im Hotel angekommen. Sehr früh angekommen ist auch unser Guide Dani, bei dem wir vorab eine Food-Tour gebucht hatten. Um kurz vor 6 aufstehen? Kein Problem, wir haben ja schließlich Urlaub!

Dani scheint nicht ganz so früh aufgestanden, zumindest hatte er wohl keine Gelegenheit mehr, ein frisches T-Shirt anzuziehen. Ansonsten kann man Dani als ziemlich zotteligen Amerikaner mit einer besonderen Leidenschaft für Bienen bezeichnen („No Honey, no Money“). Er lebt wohl seit 20 Jahren hier in Kambodscha und veranstaltet in dieser Zeit abwechselnd Touren und Imker-Kurse. Offiziell hieß unsere Tour „Combo Tour“, da sie kulturelle und kulinarische Aspekte kombinieren sollte. Für meinen Geschmack herrschte allerdings ein ziemliches Ungleichgewicht zu Gunsten der Kultur.

Los ging es auf dem Markt. Der Anblick von Fleisch, das vor Fliegen nur so wimmelt, angebrüteten Enten-Embryonen und bei lebendigen Leib gehäuteten Fröschen konnte uns nicht mehr so recht schocken, ist aber immer wieder beliebtes Kamera-Futter. Mit meiner Übersetzung des alten Harald Schmidt Witzes, ob man alles zahlen müsse oder nur das, was nicht davonfliegt, ging der erste Humor-Punkt an mich.

Auf dem Markt stärkten wir uns dann auch mit einem leckeren Frühstück, das fiel aber mit Reis, Ei, Banane und Gemüse ziemlich konventionell aus. Für eine Food-Tour hätte ich hier mehr erwartet.

Danach ging’s raus auf’s Land, hinein in’s echte kambodschanische Leben. Und das sieht doch ziemlich bescheiden aus: Strom und fließend Wasser? Fehlanzeige. Der Fernseher läuft trotzdem die ganze Zeit, 2x die Woche kommt der Mann, der einen Generator besitzt, vorbei und lädt die Batterien. Und für das Wasser wurden Sand-Filter-Systeme mit Geldern der EU und großzügiger amerikanischer Privatleute installiert. Allerdings sind die meisten entweder kaputt oder einfach nicht in Betreib. Dafür steht vor jeder Hütte ein großes Schild mit dem Namen des Sponsors. So sieht also Entwicklungspolitik in Realität aus.

Zwischen den Besuchen bei verschiedenen Familien, die jeweils ihrem Tagwerk nachgingen (Frauen: Reisnudel produzieren, Räucherstäbchen rollen, Matten flechten; Männer: trinken, außer der, der den Generator hat) gab es dann immer mal wieder eine lokale Spezialität zu verkosten: Palmzucker, Reisnudel, gebackene Bananen. Auch in einem Hunde-Restaurant haben wir Stop gemacht (nein: kein Restaurant für Hunde), allerdings weigerte sich der Wirt, uns ein paar Probierhappen gegen reduziertes Entgelt zu überlassen. Er bestand darauf, dass ich einen kompletten Teller für umgerechnet 1$ 25 bestellen müsse. Da ich zum einen aber schon ziemlich satt war und es zum anderen auch nicht einsehen wollte, den Großteil meines Essens wegzuwerfen, musste ich mir diese Erfahrung durch die Lappen gehen lassen. Dani regte sich darüber furchtbar auf: diese Khmer kapieren den Kapitalismus einfach nicht! 1/4 Portion zum halben Preis ist doch eindeutig mehr verkauft als 0 Portionen zum vollen. Unrecht hat er nicht.

À propos Dani: dass der kein professioneller Food-Guide ist, merkten wir spätestens bei der Reisnudel-Verkostung. Die wurden uns auf einem frisch geernteten Bananenblatt-Teller serviert und sollten mit den bloßen Händen gegessen werden. Dani empfahl uns daher, uns die Hände vor dem Essen zu waschen. Womit nur? Klar: mit dem ungereinigten Brunnen-Wasser. Die Australier, die die Tour mit uns machten, und wir schauten uns kurz irritiert an und zückten jeweils unsere Desinfektionsmittel und -Tücher. Wenn ich da an unseren Food-Guide Marc Ng in Kuala Lumpur denke … der hatte eine tragbare Dekontaminierungseinheit in seinem Kofferraum.

Als Höhepunkt wurden für auf die kambodschanische Art geschröpft. Damit meine ich nicht das allgegenwärtige „10 peaces 1$ Sir, good quality“, sondern so richtig mit Gläsern und Feuer. Das soll gegen alles helfen, zumindest wenn man daran glaubt. Wie’s war? Nun ja, es hat ziemlich weh getan, als ob einem das Fleisch vom Rücken gezogen würde. Und die Male werden mich sicher noch über den Urlaub hinaus begleiten. Für die Umstehenden war’s auf jeden Fall belustigend. Geholfen hat’s auch: zwar nicht meinem Rücken, ich denke aber, die Familie kann den Dollar schon gebrauchen.

Von dieser Strapaze konnten wir uns dann nach unserer Rückkehr in’s Hotel bei der im Preis inkludierten Khmer-Massage erholen. Allerdings gingen auch hier die Mädels rustikal zur Sache. Birgit meinte, zu ihren Schröpf-Malen würden sich jetzt sicherlich noch einige blaue Flecken gesellen. Und ich kann nur sagen, das die Masseuse meinem empfindlichsten Körperteil ein paar Mal gefährlich nahe gekommen ist.

Danach waren wir so platt, dass wir das Hotel nicht mehr verlassen wollten. Daher schlossen wir unseren zweiten Tag mit Bier und den Stullen, die Anne uns für’s Flugzeug geschmiert hat, würdig ab.

 

Bumpy _/\_

So, das lokale Bier hat sich als genießbar erwiesen und im Kampf Monsunregen vs. gewachstes Textil steht es 1:0. Während unsere Klamotten trocknen, und Birgit etwas Schlaf nachholt, will ich die Gelegenheit nutzen und unsere ersten Urlaubsstunden Revue passieren lassen.
Eines vorweg: ich tippe auf meinem iPad, das Notebook ist hoffentlich zusammen mit unserer trockenen Kleidung und anderen mehr oder weniger wichtigen Accessoires auf dem Weg hier her.
Der Flug Frankfurt – Hongkong verlief durchaus vielversprechend: pünktlich, ruhig, die Stewardessen waren ansehnlich und das Essen auch ok. Was kann man mehr wollen? Die Umsteigezeit in HKG war auch angenehm kurz (für unser Gepäck leider zu kurz, s.o.).
Der Weiterflug verlief hingegen die ganze Zeit ziemlich holprig und wurde von einer schlechten Landung gekrönt (da kenne ich mich aus, schlecht landen kann ich nämlich gut).
Im Gegenzug dazu war die Einreise ein Spaß: quasi nicht vorhandene Warteschlange, ein Officer der nur grimmig guckt und seine Anweisungen per Knurr-Tönen erteilt, schließlich aber anstandslos seine Stempel auf die diversen Formulare verteilt: keine Minute später waren wir offiziell in Kambodscha. Dann mussten wir nur noch kurz deklarieren, dass wir weder Ebola noch Drogen einführen, und bevor wir uns versahen, waren alle Formalitäten erledigt.
Am Gepäck-Karussell wurden wir dann ganz gezielt angesprochen. Im Nachhinein fragen wir uns, wie die gerade auf uns gekommen sind. Wahrscheinlich sehen wir einfach aus wie welche, die mit Rucksack aus Frankfurt anreisen. Auf jeden Fall dauerte die Klärung unseres Gepäckverlusts wesentlich länger als die Einreise, was wohl auch damit zusammenhängt, dass die Dame ein für unsere Ohren eher befremdlich klingendes Englisch gesprochen hat (nein, ich meine nicht Birgit!). Evtl. wäre es mit Knurr-Tönen schneller gegangen.
Schließlich standen wir dann mit leichtem Handgepäck in der tropischen Schwüle vor dem Terminal. Leider konnte ich meinen Namen nirgends auf den hochgereckten Schildern entdecken, auch keinen, den man mit meinem verwechseln könnte (darin bin ich richtig gut, im Laufe meines Lebens habe ich mich schon öfters in Schmidt, Schniedel oder Schmirgel wiedererkant).
Der Mann von der Gepäckverluststelle (der ordentliches Englisch sprach, es aber vorzog, sich seine Kollegin mit uns abmühen zu lassen und vice versa), hatte irgendwann Mitleid mit uns Zurückgebliebenen und hat im Hotel insgesamt 3 Mal angerufen. Uns hat er was von Missverständnis und so erzählt, ich war mir aber sicher: die haben uns schlichtweg vergessen, wahrscheinlich mitsamt der zugehörigen Reservierung. Da überkam mich doch eine gewisse innere Unruhe: ohne Gepäck und ohne Unterkunft zur Regenzeit in Kambodscha? Abenteuer? Ja bitte! Aber für den Anfang dürfte es gerne ein bisschen weniger sein.
Wie durch ein Wunder kam 1 1/2 Stunden und 3 meiner Fingernägel später tatsächlich ein Tucktuck, das uns in’s Hotel brachte. Dort wurden wir, wider Erwarten, bereits erwartet. Wir … naja, eigentlich nur ich, Birgit wurde gewissermaßen ignoriert. Dem ersten Eindruck nach scheint Kambodscha eine eher patriarchalische Gesellschaft zu sein. Entsprechend war die Hotel-Angestellte devot-servil-aufdringlich (inkl. dem obligatorischen, für uns nahezu unverständliche Englisch) und wir waren froh, als wir sie endlich aus dem Zimmer bugsiert hatten.
Abschließend noch ein erster Eindruck von der Stadt: Bier ok, Regen naß, Tucktuck-Fahrer nervig (immerhin: ich habe hier noch keine Freunde, Sir) und jede Menge Läden mit „Happy-Pizza“ (deren geheime Zutat hier nicht verraten wird).