Reisetage/ Abschied

Der letzte Beitrag ist wohl schon eine ganze Weile her. Wie lange kann ich gerade nicht nachschauen, da der Internetzugang hier in unserem Serviced Appartement nicht funktioniert. Wenn ich mich aber recht erinnere, schrieb ich ihn beim Warten auf den Checkin und das Frühstück in der Lounge in Lijiang. Also will ich mal dort anknüpfen.

Oder ich mache es mir einfacher: der Inhalt der letzten Tage bestand aus früh aufstehen (<= 6 Uhr),  Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten, die allesamt mit mindestens einem Superlativ beschrieben werden können, Entrichten des ähnlich superlativ-verdächtigen Eintrittspreises und Frieren. 

Zu letzterem: obwohl wir wussten, daß unsere Reiseroute südlich des chinesischen Heizungsäquator verläuft, war uns nicht klar, daß das auch für Autos, Busse und Firstclass-Lounges gilt. 

Ausnahmen bildeten die Reisetage. Die bestanden aus früh aufstehen (<= 6 Uhr), Koffer packen, Auschecken, uns zum Bus-Terminal, Bahnhof oder Flughafen fahren lassen und einer anschließenden sehr langen, beengten Busfahrt, einer langen (zugegebenermaßen aber auch ziemlich komfortablen) Bahnfahrt oder einem mehrstündigen Flug in der Holzklasse. 

Gefroren haben wir auch an den Reisetagen eigentlich immer, einzig die Reibungswärme beim vom Fahrer über den Tisch gezogen werden, verschaffte uns etwas Linderung. 

Das mit den Reisetagen mag sich hier schlimmer anhören als es war. China ist nunmal ein riesiges Land und auch in Hawaii, wo wir das Gefühlt hatten, wir könnten zur nächsten Insel hinüberspucken, galt: ein Reisetag ist ein Reisetag! 

Die wirklich positive Überraschung beim Reisen hier ist: es funktioniert. Zum Beispiel die Strecke Guilin — Zhangjiajie. Hätten wir den gängigen Reiseplanungsplattformen geglaubt, wäre die einzige Möglichkeit, zwischen diesen beiden Städten zu reisen, ein  über 6.000$ teurer, 18-stündiger Flug mit 3-maligem Umstieg (ich glaube, einmal davon in Frankfurt am Main) gewesen. Eine fachkundige Beratung im Reisebureau scheiterte an der Sprachbarriere. Dann hat jedoch die deutschsprachige Reiseleitung vor Ort irgendwie herausgefunden, daß es eine Alternative Kombination aus Zug und Bus gibt, die uns in weniger als 14 Stunden und für ein paar Handvoll Euro an’s gewünschte Ziel bringt. Nachdem diese Hürde der Erkenntnis überwunden war (und Birgit die Zeichen für Zhangjiajie in ihr Notizheft abgepinnt hat), verlief der Rest einfacher als eine OEG-Fahrt von Großsachsen-Heddesheim nach Bobenheim-Roxheim (ich bin der festen Überzeugung, ein Chinese, Amerikaner, Italiener oder Norddeutscher könnte 100 Jahre in der Kurpfalz leben und würde das System von Groß-und Übergangswaben im Tarifgebiet des VRN nicht kapieren; ganz zu schweigen davon, daß er weder die 17,80 EUR in Münzen noch eine Geldkarte(TM) hätte, um das Ticket zu lösen).

Einfacher heißt allerdings nicht komfortabler: der Durchschnittschinese baut an Hüften und Schultern wesentlich schmaler als sein mitteleuropäisches Pendant, von meiner Person ganz zu schweigen. Wenn dann gegenüber noch eine opulente chinesische Mutti sitzt kann es durchaus vorkommen, daß es, über den Mittelgang hinweg, zur Backenberührung kommt.

Über die weiteren Details der Etappen, Attraktionen und Reiserouten der letzten Tage hat sich mein überaus emsiger Sidekick ja schon ebenso ausführlich wie brillant ausgelassen, so daß ich mir das ersparen kann, wofür ich gerade jetzt, da ich beim Warten auf die Waschmaschine den ersten Beijou (der hiesige Nationalschnaps, eine Mischung aus Dornkaat, Haarwuchsmittel und WD40 für umgerechnet 60 €-Cent / 100 ml) des Tages geleerte habe, nicht undankbar bin. (Memo an mich und Yodobasha: daß der Yodo-Blog  halbwegs für die Ewigkeit taugt, hat er in seinem mittlerweile 6. Jahr und der 3. Reloktaion bewiesen; bei den app-basierten Plattformen bin ich mir da nicht so sicher; wäre ernsthaft schade um die Beiträge!).

Jetzt befinden wir uns also im „langen Endteil“. Anfangs waren wir doch etwas enttäuscht, daß die Chinesen unser Visum auf 30 Tage beschränkten. Mittlerweile sind wir aber der festen Überzeugung, daß das keine behördliche Schikane ist, sondern einzig und allein dem Schutz der Reisenden dient. China ist sicher landschaftlich, kulturell und kulinarisch ein tolles Land, aber etwas mehr als 3 Wochen sind definitiv genug!

Angefangen haben wir unseren Abschied gestern mit der Etappe in Nanking, wo wir meinen Fliegerkameraden Daniel und seine Frau Claudia trafen, die es beruflich ins Land des Lächeln verschlagen hat. Ich denke, zur Tatsache, daß sie uns statt zum traditionellen Hotpot, in einen Burgerladen eingeladen haben, ist nichts weiter hinzuzufügen. Außer vielleicht noch ein Zitat von Daniel, das wir mehr als einmal zu hören bekamen (und auch einigermaßen nachvollziehen können): „Supermacht?!? — seh ich nicht!“. Oder noch einer Kleinigkeit: Claudia musste im Rahmen des Fach- und Führungskräfteaustauschs des internationalen Konzerns, für den die beiden arbeiten, ein Thema zur interkulturellen Verständigung ausarbeiten. Sie wählte „Rotzen und Rülpsen am Arbeitsplatz mögen Westler nicht so“.

Jetzt sitze ich in unserem Serviced Appartement in Shanghai, die Wäsche ist mittlerweile fertig und der zweite Beijou offen, das Internet tut immer noch nicht …

PS: in der Lounge in Lijiang gab es schließlich statt warmer Speisen, Bier und internationaler Spirituosen nur strohigen Grüntee, fermentierte Sojabohnen und sodbrandauslösende Kekse. Außerdem war es schwanzkalt, eine Heizung war zwar vorhanden, aber leider gerade kaputt. Dafür lieg ohrenbetäubend laut die chinesische Version von GZSZ. Well, that’s China!

  

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