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So, jetzt ist unser letzter Tag in Korea angebrochen. Birgit hatte eine ziemlich unangenehme Nacht, ich will sie deshalb noch etwas schlafen lassen und die Zeit produktiv nutzen. Nachdem ich all unsere Aktivitäten und Unterkünfte bei TripAdvisor und Airbnb bewertet habe, mache ich mich jetzt daran, den nächsten Bericht über unsere kleine Korea-Tour zu schreiben.

Apropos Airbnb: diese Reise ist die erste, für die wir diese Plattform genutzt haben. Ich muss zugeben, wir sind einigermaßen angetan. Es ist tatsächlich so, wie einem die Werbung erklärt: wer so reist, bekommt einen gewissen Einblick in das Leben im Land, der einem als Hotel- oder Hostel-Gast so verwehrt bleibt.

In Busan hatten wir ein Appartement in einem typisch koreanischen Wohnblock gemietet. Die überwiegende Mehrheit der koreanischen Bevölkerung wohnt in Städten. Jeder 2. Koreaner wohnt im Großraum Seoul, der damit, nach Tokyo, mit 25 Millionen Einwohnern der zweitgrößte Ballungsraum der Welt ist. Busan nimmt sich dagegen mit 3,5 Millionen Einwohnern eher bescheiden aus. Aber auch die müssen irgendwo untergebracht werden, und die Richtung, in die hierfür noch am meisten Platz ist, ist die Vertikale. So sind die Städte allesamt mit diesen ziemlich lieblos gebauten, 30 bis 50-stöckigen Wohnblocks zugepflastert. Wir haben unseren „unser Tetris-Stäbchen“ getauft. So ein Tetris-Stäbchen ist ein in sich abgeschlossener Kosmos: schlafen, einkaufen, essen, Pakete abgeben und abholen, Kleidung reinigen lassen … alles unter einem Dach. Hier funktioniert das. Entsprechende Projekte in Deutschland (Chorweiler, das „blaue Haus“ in Weinheim, Collini-Center, …) wollten irgendwie alle nicht recht zünden.

Wahrscheinlich liegt das einfach am Stellenwert der Wohnung: „my home is my castle“ ist hier nicht nur von der Sprache her ein Fremdwort. Unser 1-Zimmer-Appartement war wirklich winzig, aber wohl Standard-Größe für eine koreanische Single- oder Pärchen-Wohnung. Bei unserer Food-Tour haben wir gelernt, dass Koreaner gegrilltes (oder zumindest scharf angebratenes) Fleisch und Fisch lieben. Dessen Zubereitung würde wahrscheinlich zur vollständigen Evakuierung eines Stäbchens führen. Die eingebaute Küchenzeile ist demnach wohl hauptsächlich Dekoration. Freunde nach Hause einladen ist auch nicht üblich, zumal für die ja ohnehin kein Platz wäre. Kurzum gesagt: zu Hause wird im Wesentlichen geschlafen, der Rest des Lebens spielt sich im öffentlichen Raum ab.

Krasses Gegenteil zum Tetris-Stäbchen: in G-Stadt haben wir uns in einem Hanok, einem traditionellen koreanischen Haus, eingemietet. Über das Schlafen auf dem Boden, insbesondere nach intensivem Meditations- und Kampfkunst-Training, habe ich ja schon berichtet. Hier bekamen wir auch einen Einblick in das koreanische Familienleben: Dreh- und Angelpunkt ist die Küche, dort wird gekocht, gegessen, kommuniziert und musiziert … und das alles auf dem Boden sitzend. Wir vermuten, dass die Zimmerwirtin nächtens auch auf dem Küchenboden schläft.

So richtig groß sind die anderen Zimmer hier auch nicht, immerhin: wenn man die Schlaf-Matte bei Seite räumt, kann man sich halbwegs frei bewegen. Außerdem ist es hier wohl üblich, dass die Kinder bis zur Heirat bei den Eltern wohnen, um dann mit dem Partner in ein Tetris-Stäbchen zu ziehen. Will sagen: auch im ländlichen Umfeld findet das (außer-familiäre) soziale Leben hauptsächlich öffentlich statt.

Um auszuprobieren, ob das mit dem gemeinsamen Einzug in ein Stäbchen funktionieren könnte, gibt es hier Love-Hotels, die auch stundenweise gemietet werden können. Für andere gemeinsame Aktivitäten, für die man sich eine gewisse Privatsphäre wünscht (z.B. Feiern, Lernen, Computer spielen etc.) kann man sich einen Bang (dt.: Raum) mieten.

So, mittlerweile ist Birgit aufgewacht und es geht ihr etwas besser. Wir werden uns jetzt stadtfein machen und unser, diesmal nicht ganz so winziges, Appartement in unserem, diesmal nicht ganz so hässlichen, Tetris-Stäbchen verlassen und uns in das Seouler Leben stürzen.

 

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