Prada statt Prawda

Das „freundliche Stadt“ im letzten Beitrag hat sich nicht auf’s Wetter bezogen. Regen, Schnee und Schneeregen, kombiniert mit 18 Knoten Wind, bringt unsere Matrjoschka-Kleidung an ihre Grenzen. Aber wir wollen über die -1 Grad (gefühlt laut Wetter-App -8) nicht jammern, die 1941er Reisegruppe musste mit -35°C (ohne Windchill-Faktor) klarkommen, und das wahrscheinlich ohne Wetter-App und Funktions-Kleidung.

Und genauso wahrscheinlich konnten sie sich auch nicht in eine der goldglänzenden Luxus-Malls flüchten, wenn der vom Wind ins Gesicht gepeitschte Schneeregen allzu beissend wurde.

Zugegebenermaßen: im Alltag ist der Krieg hier so wenig präsent wie bei uns. Aber, so hat es unsere Guidin, die übrigens nicht Nathalie, sondern Tatjana hieß, erklärt, die Erinnerung an den Sieg über Hitler-Deutschland speist generationen-übergreifend das „Wir-sind-wer“-Gefühl. 

Präsentiert wird dieses Gefühl auch durch den, zumindest in den Souvenirläden, allgegenwärtigen starken Mann des Landes, Wladimir Putin. Er grüßt in Bomberjacke mit lässig verspiegelter Sonnenbrille von Frühstücksbrettchen, reitet oben ohne, wahlweise auch mit Maschinengewehr bekleidet, auf Plastik-Bären oder tritt als Judoka auf einem T-Shirt Obama den Kopf weg. Es will sich uns nicht wirklich erschließen, ob diese Devotionalien augenzwinkernd-ironisch gemeint oder Ausdruck der aufrichtigen Verehrung des „lupenreinen Demokraten“ sind. Ich kann (und will) mir allerdings beim besten Willen kein entsprechendes Szenario mit Angela Merkel vorstellen.

Wladimir Wladimirowitsch (oben)

Nicht, daß es hier in Downtown Moskau nicht genügend Souvenirläden gäbe. Trotzdem führte uns unser Weg vorgestern an die Peripherie der Stadt, wo der größte Souvenirmarkt des Landes in einer Disnyland-Ausgabe des Kremls auf uns wartete. Ok, gewartet hat eigentlich nichts, die meisten Stände blieben, ob des bescheidenen Wetters, geschlossen. 

Disneyland(tm) Kreml

Der Weg von der Metro zur Kitschburg führte uns vorbei an von Alpha bis Gamma durchnummerierten, riesigen Hotelkomplexen, die, wenn man dafür empfänglich ist, durchaus noch etwas sozialistischen Charme (bzw. das, was wir dafür halten) versprühen. Birgit erwies sich als unempfänglich, dafür war ihr nass und kalt, so daß unsere kleine Zeitreise ziemlich schnell beendet war. 

real existierende Architektur. Außen- …

… und Innen-Ansicht

Ansonsten zeigt die Stadt, daß nicht nur Geschichte, sondern auch Architektur von den Siegern geschrieben wird. Ähnlich wie „Erichs Lampenladen“ in Berlin wird hier in einem seit Anfang der 2000er anhaltenden Bauboom (fast) alles, was an die weniger ruhmvolle nähere Vergangenheit erinnert, weggebombt und durch Bauten im klassischen russischen Stil (also mit goldenem Zwiebeltürmen) ersetzt. Übrig geblieben sind scheinbar nur noch die „7 Schwestern“, Prachtbauten im schönsten Stalin-Barock, und die eine oder andere Hammer-Sichel-Ährenkranz Dekoration.

feinster Stalin-Zuckerbäcker-Stil: eine der sieben Schwestern

war Kirche, sollte der 800 Meter hohe Palast der Sowjets werden, dann kam der Krieg … das  gegossene Fundament war dann jahrzehntelang Freibad, bis es in den 2000ern wieder zur goldbekuppelten Kirche wurde

Ein Gedanke zu „Prada statt Prawda

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.