Live von der Zielgerade

Mittlerweile sind wir schon wieder seit 2 Tagen in Rio. Wir sitzen gerade beim, für hiesige Verhältnisse ganz ordentlichen, Frühstück und ich frage mich zum wiederholten Mal, warum man in einem Land, in dem die Orangen am Straßenrand wachsen, den Frühstückssaft aus einem vollsynthetischen Pulver anrühren muss? Die gleiche Erfahrung haben wir auch schon in Spanien, Italien, Südfrankreich und Thailand gemacht.

Nochmal zurück nach Paraty. Während unserer Woche dort hatten wir einen treuen Begleiter: den Regen. Irgendwie waren wir aber beide so reisemüde, dass wir es trotzdem nicht gepackt haben, weiterzuziehen. Damit bestand unsere Haupttätigkeit aus den 3 L: lange schlafen, lesen, lungern. Höhepunkt unserer Aktivität war eine Bootstour in einer ziemlich maroden Nussschale. Zu meiner großen Enttäuschung hatte der Knabe, der uns als der Kapitän vorgestellt wurde, weder eine Mütze noch ein weißes Hemd an. Um genau zu sein hatte er gar kein Hemd an. Immerhin habe ich während dieser Fahrt durchaus noch etwas gelernt, nämlich, dass man sich auch an einem bewölkt-verregneten Tag einen rustikalen Sonnenbrand holen kann.

Auch wenn das Böötchen, wie gesagt, definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat (und damit meine ich nicht das Wetter), hatte ich doch zu keinem Zeitpunkt Angst um Leib und Leben. Die stellte sich erst auf der Fahrt zurück nach Rio ein: der Fahrer schien ein glücklicher Gewinner der legendären Führerschein-Lotterie gewesen zu sein, außerdem verfügte der Ford Transit weder über funktionierende Bremsen noch einen Tacho. Letzteres führte dazu, dass das Gefährt bei jeder Radarfalle (Limit: 60 km/h) unter vollem körperlichen Einsatz des Fahrers und den verbliebenen 4% Bremskraft auf Schrittgeschwindigkeit verlangsamt wurde, nur um sofort danach wieder mit Vollgas auf eine Geschwindigkeit gefühlt knapp unterhalb der Schallmauer zu beschleunigen. Ich habe weder bei stürmischer See noch turbulenter Luft auch nur einen Gedanken an’s Kotzen verschwendet, während dieser Fahrt war ich aber ganz kurz davor.

Verhindert wurde das wahrscheinlich nur dadurch, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Als sich nach der Ankunft in Rio (hurra, wir leben noch!) die erste Übelkeit gelegt hatte, stillten wir den angesparten Hunger im, laut Reiseführer, besten Fleisch-Restaurant der Stadt. So stellt man sich den kulinarischen Himmel vor: bestes Fleisch wird sozusagen am laufenden Band serviert, dazu erlesene Beilagen und ein Sushi-Buffett, das so auch in Tokyo durchgehen würde. Neben uns wurden 2 schwergewichtige Amerikaner platziert, die köstlich zu unserer Unterhaltung beitrugen (wenn auch auf Kosten des armen Kellners): wiederholt liessen sie die leckersten Stücke mit der Begründung zurückgehen, es sei nicht „rare“ genug, und das, ohne auch nur probiert zu haben.

Gestern habe ich mit den meterhohen Wellen an der Copacabana gekämpft, leider bin ich nur zweiter Sieger geworden. Heute Nacht konnte ich nicht entscheiden, was unangenehmer ist: die Schmerzen im Nacken, die am Rücken, der durch das Schlucken von Kubikmetern Salzwasser gestörte Elektrolyt-Haushalt oder die Tonnen Sand, die es mir in jede Körperöffnung gespült hat. War trotzdem ’ne mords Gaudi.

So, wenn die Welt morgen untergeht wird dies wohl der letzte Eintrag in diesem Blog sein (deshalb: unbedingt heute noch lesen!). Aber auch wenn nicht geht unser Trip langsam aber sicher seinem Ende entgegen. Die beiden uns noch verbleibenden Tage werden wir mit dem unangenehmsten Teil der Reise, dem Besorgen der Mitbringsel, verbringen. Vielleicht warten wir aber auch aggressiv ab, wie sich die Sache mit dem Weltuntergang entwickelt. Im Zweifelsfall haben wir ja schon einige Erfahrung darin, die Souvenirs im Flughafen-Shop zu erwerben.

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