Gelb bleibt stehen, braun darf gehen

seit der Zwischenbilanz vorhin hat sich unsere Stimmung doch etwas verbessert. Mittlerweile sind wir in Pushkar gelandet, einer Oase für Spirituelle, Ausgestiegene und Zottlige aus aller Herren Länder. Dazwischen tummeln sich natürlich auch noch unsere allgegenwärtige Freunde und Brüder und bieten Waren/ Speisen/ Dienstleistungen bester Qualität zum unschlagbaren Preis an.

Vorhin habe ich, soweit ich mich erinnern kann zum ersten Mal auf einer Reise überhaupt, die Fassung verloren. So ein Pseudo-Bramahne hat mich am heiligen See mit List und Tücke von meiner deutschsprachigen Reiseleitung vor Ort getrennt, mich mit heiligem Wasser besprenkelt, mir geweihte Blütenblätter in die Hand gedrückt und mir während dieser Zeremonie offenbart, dass ich verpflichtet sei, eine freiwillige Spende für diesen Segen zu leisten. Die meisten Europäer würden der Einfachheit halber direkt in Euro löhnen, und ein Betrag von 10 EUR sei durchaus angemessen. Im Gegenzug würde er mir dafür ein Bändchen umbinden, dass mich vor weiteren Zeremonien dieser Art schützen solle. Diese mir bis dahin unbekannte Art der Schutzgelderpressung hat mich dann endgültig auf die Palme gebracht. In einem wilden Mix aus Deutsch, Kurpfälzisch und englischen F-Worten habe ich ihm klargemacht, dass er sich seine Blütenblätter dahin stecken soll, wo die Sonne nie hinkommt und das mir sein ganzes verf******* Land gewaltig auf die E*** geht usw.

Und wie das so nach reinigenden Gewittern ist, danach ging mir’s besser. Wir sind dann noch stundenlang über den Basar und durch die Tempel gestromert und haben dabei auch unseren Fahrer wiedergetroffen, der sich freier Kost und Logis für Pilger und Bedürftige in einem hiesigen Tempel erfreut.

Hier in Pushkar kann man sehr schön die dreistufige Hierarchie unter den Touristen beobachten: auf der obersten Stufe stehen die echten Traveller. Die Sonne hat diese Zeitgenossen bereits so weit gegerbt, dass man schon 2x hinschauen muss, um sie von Indern, Südamerikanern oder Malayen zu unterscheiden. Im Zweifelsfall hilft ein Blick auf die Kleidung: wenn der Sahri etwas bunter als ortsüblich ist, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Touri der Kategorie 1 vor einem. Falls immer noch ein Zweifel besteht, wird der durch genaues Hinhören endgültig beseitigt: bei mehr als 2 „actually“ im Satz kann man (zumindest bei Nicht-Muttersprachlern) definitiv sicher sein.

Zwei besonders prächtige Exemplare (+Kind & Kegel) dieser Gattung haben wir heute hier im Hotel kennengelernt: Deutsche, die uns zum Abschied wünschten, dass wir in der kurzen uns verbleibenden Zeit unsere innere Mitte und Frieden hier finden würden (ich hätte fragen sollen, mit welchem Kraut die Bier substituieren?).

In der Kategorie 2 finden sich dann Gestalten wie Du und ich (konkret: wie Birgit und mich). Die kommen sich zwar irgendwie auch noch wie Traveller vor, sind wahrscheinlich doch nur gepimpte Touristen. Die äußeren Erscheinungsformen sind vielfältig, abhängig von Alter, Beruf, Geschlecht und Umfang der Brieftasche. Überdurchschnittlich beliebt, besonders bei Männchen im fortgeschrittenen Alter, sind Khaki-Töne im Kolonialherren-Style.

Die niedrigste Stufe stellt das Sight-Seeing Vieh dar, dass aus den Bussen durch die Strassen getrieben wird und, statt Glocken, wahlweise gelbe T-Shirts oder orange Schals um den Hals trägt. Auch von dieser Gattung gibt es verschiedene Unter-Gattungen, deren nobelste wohl „Meyers-Reisen“ sein dürfte, die vorwiegend von Gymnasial-Studienräten gebucht werden. Diese wiederum sind relativ leicht an der Kombination aus karierten Outdoor-Hemd, Khaki-Hose und Tropen-Hut zu erkennen.

Hier in Pushkar findet man ein angenehm ausgewogenes Verhältnis zwischen den Touris der 3 Kategorien, Eingeborenen, Freunden, Brüdern und tatsächlich auch ein paar Leuten, die einfach ihrem Tagwerk nachgehen …

… eigentlich wollte ich diesen Beitrag nach dem letzten Satz veröffentlichen. Leider habe ich da die Rechnung ohne die örtliche Stromversorgung gemacht: seit einiger Zeit funktioniert hier in unserem Zimmer zwar das Licht (was ohne Fenster auch am Tag enorm praktisch ist) und der Ventilator, aber leider weder Steckdosen noch WLAN noch die Wasserversorgung (wobei ich nicht sicher bin, ob ersteres und letzteres zusammenhängt). Das verbliebene Wasser in der Klo-Spülung heben wir uns sicherheitshalber für evtl. kurzfristig anstehende größere Geschäfte, ggf. auch für längere Durststrecken, auf …

… mittlerweile haben wir zwar wieder Strom und WLAN, aber kommen immer noch nicht raus, dafür läuft die Klo-Schüssel bald über. Aber: gut Ding will ja bekanntlich Weil haben …

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