Dansu, Dansu, Dansu

Japan ist ein Eisenbahnland. Der Ausdruck „pünktlich wie die Eisenbahn“ hat hier noch seine ursprüngliche, nicht-ironische Bedeutung. Über die legendäre Pünktlichkeit des Shinkansen (durchschnittliche Verspätung laut Wikipiedia irgendwas um 30 Sekunden) habe ich mich ja schon letztes Mal etwas ausführlicher ausgelassen. Aber auch jenseits des Schnellzug-Netzes gibt es bis in die tiefe Provinz hinein eine Schienen-Anbindung mit pünktlichen, sauberen Zügen und ordentlichen Taktzeiten. Gerade deshalb wundert es mich doch ein wenig, dass es wohl kein japanisches Wort für Eisenbahn gibt: die nationale Eisenbahngesellschaft nennt sich Japanese Rail, oder kurz JR. Und schreibt sich auch genau so, also mit lateinischen Buchstaben.

Wir sitzen gerade im SUPER HUKUTO limited Express und dürfen die Vorzüge des japanischen Eisenbahnsystems heute noch ca. 10 Stunden und 1200 Kilometer genießen. Bevor ich das Thema Bahn für dieses Mal beende noch folgende kurze Aufstellung: auch dieses Mal haben wir wieder den Japan Rail Pass, ein spezielles Touri-Ticket, das es uns erlaubt, bis auf ganz wenige Super-Schnellzug-Ausnahmen, 2 Wochen lang alle Züge des Landes zu nutzen. Gekostet hat dieses Ticket, das nur außerhalb Japans erworben werden kann, 45.100 Yen, umgerechnet also etwa 355 Euro. Allein die heutige Zugfahrt, die erste von vielen, würde uns 110 Eu für die Tickets und 74 für die Platz-Reservierung kosten.
Ziel des Tages ist Tokyo. Eigentlich hatten wir geplant, nach Sapporo noch eine weitere Etappe auf der Nord-Insel Hokkaido (wir haben gelernt: Hokkaido wie der Name Kai, keineswegs Hokka-i-do) geplant. Dabei kam uns allerdings die „Goldene Woche“ in die Quere: ähnlich wie bei uns fallen auch hier Ende April/ Anfang Mai einige Feiertage so, dass man mit wenigen Brückentagen eine ganze Woche Urlaub zusammenbekommt. Und die verbringt man dann üblicherweise nicht in den eigenen 4 Wänden. Das führt wiederum dazu, dass in den beliebten Touristen-Destinationen dann entweder garnichts mehr frei ist, oder aber Preise um die 300 $ für ein gewöhnliches Zimmer aufgerufen werden. Außerdem bezieht sich das „Golden“ dieser Woche wahrscheinlich nicht auf das Wetter. Wenn ich jetzt aus dem Zug-Fenster gucke, sehe ich zwar hier und da ein paar Fetzen blau am Himmel, zumindest für die letzten 2 Tage lässt sich das Wetter auf Hokkaido aber so zusammenfassen: nass, schwanzkalt und hat gezogen wie Hechtsupp‘.
Zu Sapporo: international bekannt durch die Winterspiele 1972, damals wohl noch ein Kaff, mittlerweile mit 1,9 Millionen Einwohner eine echte Metropole. Sapporo liegt auf dem selben Längengrad wie Wladiwostok (und auch nur ein paar Kilometer östlicher). Das mag auch die Sache mit dem Wetter erklären, bei Wladiwostok denkt wohl niemand an badewannenwarmes Meer oder an einen lauen Sommerabend. Außerdem erklärt das auch die Tatsache, dass die meisten Touristen hier Russen sind und man oftmals eher auf kyrillische Beschilderung als auf englische trifft.
Für mich persönlich stellt Sapporo sozusagen, neben Sushi natürlich, die Keimzelle meiner Japan-Begeisterung dar. Das hat nichts mit den Winterspielen zu tun, sondern mit dem Roman „Tanz mit dem Schafsmann“ (oder auf japanisch: „Dansu, Dansu, Dansu“) von Haruki Murakami. Dort hat sich in einer Art Zeitblase ein Zimmer des heruntergekommenen, mittlerweile abgerissenen Hotels Delfin im neu erbauten Nobel-Hotel Dolphin am Sapporoer Hauptbahnhof erhalten. Und in eben diesem Zimmer sitzt der schafsköpfige Geist eines Hokkaidischen Ureinwohners und erteilt dem Protagonisten den Rat, er solle „tanzen, tanzen, tanzen“ statt sein Leben mit Schneeschippen zu verbringen.
Dass sowohl das Hotel Delfin als auch das Dolphin fiktive Orte sind, hatte ich natürlich schon vorab herausgefunden. Trotzdem setzte sich in mir der Wunsch fest, unbedingt mal nach Sapporo zu reisen. Und das war, neben dem besagten Sushi und dem Lied „Big in Japan“ von Alphaville, auch der Grund, warum ich 2009 unsere ersten Tickets nach Tokyo buchte. Da aber die Fahrt von Tokyo nach Sapporo trotz der guten Eisenbahn-Infrastruktur doch einigermaßen beschwerlich ist (s.o.) und der Süden des Landes sowohl touristisch als auch wettermäßig (siehe ebenfalls oben) definitiv mehr zu bieten hat, fiel Hokkaido bei unseren beiden letzten Reisen hinten runter.
Um zu verhindern, dass uns das diesmal wieder passiert, haben wir beschlossen, unseren Trip in Sapporo zu beginnen. Da es aber keine Direktflüge ab Deutschland gibt, machten wir aus der Not eine Tugend und nutzten die Zwischenlandung in Peking für einen kleinen Städte-Trip. Außerdem hatten wir die Hoffnung, gerade rechtzeitig zum Kirschblütenfest Hanami anzukommen. Das hat nicht ganz hingehauen, ich schätze, die Blüten brauchen bei den Temperaturen noch eine Weile, bis sie aufbrechen.
Einschub: gerade ist eine niedlich herausgeputzte Japanerin mit einem Sortiment Snacks (das meiste davon auf Basis Reis und Bohnenpaste) vorbeigekommen. Beim Betreten und Verlassen des Waggons verbeugte sie sich ordnungsgemäß tief. Diese Art Japanerinnen, die einem hier allenthalben begegnen, sind zwar wunderschön anzuschauen, erscheinen einem aber manchmal wie mechanische Aufzieh-Tamagochis, die beständig „arigato gozaimasu“ und „hai, hai, hai“ vor sich hin plappern.
Zurück zu Sapporo und Hokkaido: der einzige Bezug zum Hotel Delfin/ Dolphin war eine Abbildung von Delfinen neueren Datums auf dem Bahnhofs-Vorplatz. Ob das nun aber eine Reminiszenz an das Buch ist oder anders herum, der Autor durch die Abbildung (bzw. einer Vorgängerin) inspiriert wurde, kann ich nicht sagen. Oder die dritte Variante: Abbildung und Autor haben eine gemeinsame Quelle, z.B. in der Mythologie der Eingeborenen. Wie dem auch sei, dass diese Abbildung dort völlig ohne Bezug zum Roman steht, halte ich für eher unwahrscheinlich. Mission Schafsmann erfüllt!
Auch wenn sich (westliche) Touristen hier eher selten hin verirren, so kennt doch jeder Tourist die Stadt dem Namen nach (und jeder Eingeborene sowieo): für die japanische Braukunst ist Sapporo so etwas wie Jever, Bitburg, München, Bamberg und Mossautal in einem. Entsprechend war das Brauerei-Museum unsere erste Station (nach den Delfinen am Bahnhofsvorplatz, versteht sich). Die englische Beschilderung war etwas lückenhaft, vieles verstanden wir aber trotzdem problemlos: englisch mag die universelle lingua franca sein, französisch die Sprache der Liebe, Italienisch die der Oper usw. … in der Brauerei wird Deutsch gesprochen! Höhepunkt war die Verkostung in einem perfekt-selelenlosen Bräukeller-Imitat. Gezapft wurden die 3 Sorten Bier (die irgendwie alle gleich schmeckten) von 3 perfekten Aufzieh-Tamagochis … wenn ich nicht schon verheiratet wäre …  wobei: Birgit meinte, so eine würde sie auch mitnehmen.
Anmerkung: wir haben uns eine Weile über den Ausdruck „perfekt-seelenlos“ unterhalten. Der ist auf keinen Fall negativ zu verstehen, sondern genau im Gegenteil: ich glaube, er drückt eine der faszinierendsten Seiten dieses Landes aus. Der Bräukeller wird sozusagen auf seinen innersten Gehalt an Funktion und Ästhetik reduziert, und alles, was überflüssig ist oder die Funktionalität oder Ästhetik stören könnte, wird entfernt. Und mitten in diese Essenz setzt man 3 unglaublich schöne Mädels, von denen man sich aber nicht sicher sein kann, ob sie wirklich aus Fleisch und Blut bestehen … arigato gozaimasu … hai, hai, hai!
Vielmehr habe ich jetzt hier nicht mehr zu erzählen: wir sind durch die zugige Stadt gestromert  und haben das eine oder andere Photo geschossen. Für das Abendessen haben wir uns im Depachicko (Kaufhaus-Untergeschoss) mit Sushi und Tonkatsu (Schnitzel) eigedeckt. Das Hotelzimmer war „Western-Style“ (also Bett, kein Futon), das Frühstück dafür „Japan-Style“ (mit Reis, Miso-Suppe, Lachs, gepickeltem Gemüse und Tamago).
Auch an unserem zweiten Tag haben wir uns, bei einem Ausflug nach Otaru, der Hokkaidischen Bier-Kultur gewidmet. Das dortige Bräukeller-Imitat war nicht ganz so seelenlos und die Bedienungen nicht ganz so hübsch, dafür trugen sie Dirndl (welches sie allerdings nicht würdig füllen konnten). Es gab Weizen, Helles und Dunkles und zum Essen Weißwurst und Schwartenmagen. Das ganze ist ziemlich authentisch, was auch nicht weiter verwundert, da dieses Brauhaus von einem Deutschen betrieben wird.
Ansonsten gibt es in Otaru einige Glasbläsereien und Läden für Glas, u.a. einen, in dem das ganze Jahr über Weihnachten zelebriert wird. Leider war es saukalt und regnete, so dass wir dem vom Reiseführer vorgeschlagenen romantischen Spaziergang am Kanal nicht wirklich etwas abgewinnen konnten und uns lieber auf ziemlich direktem Weg in’s Brauhaus begaben (s.o.). Die zum romantischen Spaziergang gehörigen Gaslaternen-Imitate und historischen Warenhaus-Fassaden (sic!) brauche ich wohl kaum zu erwähnen … arigato gozaimasu … hai, hai, hai!

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