Schneeblind

Am Freitag war dann erstmal Groß-Reinemachen angesagt. Ok, vielleicht erst doch noch eine kleine Runde? Die prominenten Pässe und Hochstraßen sind irgendwie alle zu weit weg für einen kurzen Spin, zumal ja, wie gesagt, noch eine Geschirrspül- und Putzaktion anstand und wir darüber hinaus auch noch Jan Dirk versprochen hatten, nachmittags eine kleine Tour mit ihm zu machen. Das nächstgelegene Ziel, dass sich irgendwie attraktiv angehört hat, war die Loferer Alm und die zugehörige Höhenstraße. Und wie das immer so ist: egal, wie beeindruckend das Alpenpanorama und wie schön die Kurven auf der B304 auch sein mögen, irgendwann ist diese „Rüstzeit“ für die Anreise ins Revier ähnlich nervig wie die Fahrt auf der A4 in die Eifel. Auch das Ziel selbst hat unsere Erwartungen nicht ganz erfüllt: immerhin wurde von uns Kradlern keine Mautgebühr verlangt, im Gegenzug gab es aber auch keinen Aufkleber, mit dem ich das Hinterteil meiner Kuh, quasi als Arschgeweih, hätte zieren können. Die Strecke war im wesentlichen ein Slalom-Parcours, wechselweise um Kuhfladen oder Schlaglöcher herum. Und oben angekommen erwartete uns – Nichts! Zumindest nichts außer Schnee, der in der Sonne so blendete, dass mir erstmals praktisch klar geworden ist, was der Ausdruck „Schneeblind“ bedeutet. Auf dem Rückweg haben wir dann noch einen kurzen Zwischenstopp bei Maria Mühlegg, jenem schmucken Barock-Kirchlein oberhalb von Waging eingelegt.

Kuh und Kälbchen auf der (Loferer) Alm

keine neue Trophäe für’s Arschgeweih

bayerischer Barock: Wallfahrtkirche Maria Mühlegg

Wieder im Basislager angekommen haben wir diesen Spin unter der Rubrik „außer Spesen (fast) nichts gewesen“ abgelegt und uns der Raumpflege gewidmet. Ich konnte mich aber schon bald erfolgreich drücken, indem ich, wie versprochen, mit Jan Dirk auf Tour ging. Auch von dieser Tour gibt es nicht viel zu berichten, es ging Richtung Laufen und dann Richtung Trumer See, Mattsee und Mondsee. Anfangs tat ich mir, angesichts des zusätzlichen Gewichts, mit der Wahl des richtigen Gangs noch etwas schwer, so dass die Fahrt bisweilen etwas rumpelig war, das legte sich aber bald. Zurück ging’s mal wieder mitten durch Salzburg, das nervt noch mehr als die Aachener Straße bei der Freitag-Nachmittag-Ausfahrt.

erste längere Tour mit Sozius

Birgit hatte derweil den Wohnwagen wieder auf Vordermann gebracht. Um am nächsten Morgen möglichst früh abhauen zu können haben wir gleich noch den Viehtransport vorbereitet und die neusten Gerüchte zum Thema Kündigung der Dauercamper und üble Facebook-Verleumdung bei den Nachbarn abgefragt.

Abends haben wir uns dann zum krönenden Abschluss noch ein Schmankerl-Menü inkl. der zugehörigen Getränke beim Tanner-Wirt gegönnt. Da ich meine kulinarischen Lobpreisungen schon beim Running Sushi verballert habe, dazu nur soviel: war wirklich lecker und jeden Cent wert.

Viehtransport für den Nachhauseweg

Dampf-gegartes

So, mittlerweile sitze ich bei einem ordentlichen Kaffee aus meiner Maschine an der Bar, und gestern Abend musste ich, halbwegs schweren Herzens, zugeben, dass Kölsch mittlerweile meine bevorzugte Bier-Varietät geworden ist. Und ja, um auch dieses Thema nicht unerwähnt zu lassen: heute ist der Morgen nach dem fünften Abstieg in der Geschichte des 1 FC, das tangiert mich aber eher wenig. Und damit zurück zu unseren letzten beiden Tagen in Waging.

Donnerstag war „Hintern-Schonzeit“ angesagt, will sagen: die Fuhren blieben stehen. Nach dem Ausschlafen ging’s zum erweiterten Frühstück mit fischiger Note vom laufenden Band in Mozarts Geburtstadt, kurz: zum Running Sushi nach Salzburg. Ich versuche, es mal in Katalog-Sprache auszudrücken: das Angebot an frisch vor den Augen der Gäste zubereiteten Sushi und anderen asiatischen Spezialitäten war reichhaltig und von sehr guter Qualität.

Leis auf Lädel

Wie üblich war ich nach dem Essen etwas bauchlastig, das hat Birgit aber nicht davon abgehalten, mich zum Besuch des angeschlossenen Designer-Outlets zu nötigen. Der Betreiber und das Konzept sind von anderen Outlets (Zweibrücken, Roermond, Street) hinreichend bekannt: das Center ist als Heile-Welt-Abbild in Form eines beschaulichen Dorfs angelegt. Die Einwohner dieses Dorfes würden allerdings verhungern, oder zumindest an Mangelernährung leiden, denn statt Bäcker, Metzger oder Tante-Emma-Laden findet man Boss, McGregor, Tom Taylor und bestenfalls noch ein goldenes M. Die Salzburger Ausgabe weicht in einer Hinsicht aber von den oben genannten Standorten ab: hier gibt es nicht nur keine Einwohner, sondern auch keine Besucher. Dadurch wirkt das Dorf wie eine Geisterstadt, vielmehr gespenstisch als idyllisch.

Gespenstische Stille im Einkaufs-Dorf

Nach dem exzessiven Sushi-Konsum plagt mich immer das gleiche Problem: das Essen, ich vermute besonders die Soja-Sauce, machen ordentlich Durst. Leider ist aber im Magen kein Platz mehr für irgendwas. Irgendwann gewinnt aber der Durst Oberhand und der Griff zur Flasche folgt. Das Wasser findet tatsächlich auch noch die eine oder andere Lücke zwischen den Reiskörnern, dabei werden die Kohlensäure-Bläschen aber so eingequetscht, dass sie nicht auf dem natürlichen Weg entweichen können. Resultat sind Schmerzen, Krämpfe und die Angst zu platzen. Auch diesmal war es wieder soweit, und Birgit hat mittlerweile eine gewisse Routine darin, so zu tun, als ob sie nichts mit der sich gurgelnd krümmenden Person an ihrer Seite zu tun hätte.

ein technisches Gebrechen

Nächstes Ziel war die Therme in Ruhpolding, wo wir den obligatorischen Wellness-Part unseres Aufenthalts absolvieren wollten. Vorher hätten wir noch gerne unsere Wasser-Vorräte bei Hofer aufgestockt, leider wurde uns aber wegen eines „technischen Gebrechens“ der Zugang verwehrt.

Schee iss’es: das Ruhpoldinger Rathaus

In der Therme habe ich Birgit dann mehrfach vor Riesenwellen im Wellenbad retten müssen, was sie mir nicht immer gebührend gedankt hat. Außerdem sind uns noch zwei erwähnenswerte Zeitgenossen begegnet: der eine gab so unappetitliche Geräusche von sich, dass er damit uns 2 x aus der Sauna und dem Ruheraum vertrieben hat. Der andere hat herausgefunden, dass man durch Kühlen des Wärmesensors mit dem Wasserschlauch die Temperatur von schluffen 55 Grad locker soweit erhöhen kann, dass die Haut Blasen wirft. Damit hat er nicht nur uns, sondern auch sich selbst aus dem Dampfbad vertrieben.

 

Oben

Wenn nicht heute, wann dann? Diese Frage stellt sich mir beim Blick in die allwissende Wetter-App: wenn ich die Symbole für die nächsten Tage richtig deute ist heute der letzte Tag in dieser Woche, an dem wir die Chance haben, den Großglockner, richtiger: die Großglockner Hochalpenstraße trockenen Reifens und ohne Nebel-Radar zu bezwingen. Um genau zu sein hat sich diese Erkenntnis schon gestern Abend eingestellt, und all meine Versuche, Birgit weichzukochen und zu überreden, mich auf diese Tour zu begleiten, blieben fruchtlos.

Vielleicht war das auch besser so, meine Nacht war angesichts einer der anspruchsvolleren Alpenstrecken (auf der früher auch anspruchsvolle Rennen gefahren wurden), angesagten 0 bis -2 Grad, immerhin bei klarer Sicht, und angekündigten „meterhohen Schneewänden neben der Fahrbahn“ (Aussage Homepage Betreibergesellschaft) auch nicht gerade ruhig. Oder anders ausgedrückt: ich hatte etwas Muffensausen.

Gegen 9 war ich dann auf dem Weg, dabei bin ich, trotz Navi (was gibt man da ein?) einen immensen Umweg gefahren … aber was soll’s, das verbessert ja bekanntlich die Ortskenntnis.

Schnapszahl auf dem Weg nach oben

Am Mauthäusl habe ich mich dann nochmal nach den Witterungsbedingungen erkundigt, aber außer einer Starkwindwarnung („fahrt’s vorsichtig, doa hoat’s an mords Wind“, oder so ähnlich) gab es nur Positives zu berichten. Positiv war auch, dass eine Stichstraße, die zum absoluten Höchstpunkt der Strecke geführt hätte, noch nicht schneefrei und damit gesperrt war. Deshalb wurde nämlich nur der ermäßigte Tarif erhoben, also 16 statt 22 Eu.

Was soll ich von der Fahrt erzählen: es war, nicht verwunderlich angesichts der Tatsache, dass die Strecke erst vorgestern eröffnet wurde, relativ wenig los. Die meisten Verkehrsteilnehmer waren Radfahrer, denen ich hier meinen vollsten Respekt für diese Leistung ausdrücken möchte. Der Rest hatte zum überwiegenden Teil gelbe Nummernschilder, ich denke, das hat was mit dem Geburtstag von Königin Beatrix zu tun. Biker (also motorisierte Zweiradler) gab es außer mir nur 2 African Twin mit älteren Piloten und Soziaen, die ich öfters mal überholt habe, und anders  herum (musste ja meine Impressionen per iPhone verewigen).

Oben? Zumindest mal ziemlich hoch!

alpiner Ausblick in Richtung Großglockner

Meine Brotzeit und Photo-Session am vermeintlichen Höhepunkt erwies sich als Irrtum, es sollte noch weiter hoch gehen. Das tat aber weder der Brotzeit noch der Photo-Session einen Abbruch. Am echten Höhepunkt gab es dann nochmal eine kurze Photo-Session, mangels Brot aber keine Brotzeit mehr. Von da an ging’s bergab, was sich, auch keine echte Überraschung, als durchaus anstrengender als der Anstieg erwies.

da ist ein Lichtschein am Ende des Tunnels

das ist jetzt wirklich die Höhe!

und ich war da!

sagte ich schon, dass da oben ein wenig Schnee lag?

In Heiligenblut habe ich dann rumgedreht und mich auf den Heimweg gemacht. Und auch rückwärts gilt: hochzus ist angenehmer als runterzus.

Postkarten-Idyll und Umkehrpunkt: Heiligenblut

keine Beschleunigungsspur !!!

Birgit hat sich heute explizit Motorrad-frei gewünscht. Diesem Wunsch bin ich natürlich gerne nachgekommen, schließlich muss ich sie für die verbleibenden 4 Tage, inkl. eventueller Groß-Glockner-Befahrung, bei Laune halten. Also gab’s für mich nach dem Aufstehen einen Kaffee aus dem garantiert Senseo-freien Tassenfilter und danach ging’s los zum Spin rund um den erweiterten Waginger See. Was soll ich sagen: irgendwie macht das Fahren ohne Funkfuchs II nur halb so viel Spaß. Das Wetter war herrlich, die Kurven auch nicht von schlechten Eltern, trotzdem hat irgendwas gefehlt. Daher zu diesem Töürchen nur zwei Bemerkungen: irgendwo in Österreich ist mir eine organisierte 911er Ausfahrt mit bestimmt 50, wenn nicht mehr, Autos begegnet. Leider alles die aktuelle Modellreihe, nix Luftboxer, so dass ich mich vielmehr über den starken Gegenverkehr ärgerte als dass ich mich über den Anblick erfreut hätte. Außerdem bin ich in eine echt kritische Situation geraten: in einer Kleeblatt-Überführung zwischen 2 Landstraßen habe ich mich mal so richtig in’s Zeug und in die Kurve gelegt: das Knie (fast, zumindest gefühlt) am Boden, perfekte Schräglage, den Blick auf den Kurvenausgang gerichtet. Was ich dort erblickte, erfreute mich allerding wenig (siehe Tagsüberschrift). Auch ein hektischer Schulterblick förderte wenig erbauliches zu Tage: ein Wohnmobil befand sich direkt auf meiner Höhe. Und wiedermal hatte ich eine Hormonausschüttung, diesmal aber Adrenalin statt Testosteron. Das WoMo hatte mich wohl garnicht wahrgenommen oder wollte Benzin sparen, auf jeden Fall blieb es konstant bei seiner Geschwindigkeit. Im Gegensatz zu mir, ich glaube, das war seit der Fahrschule meine erste Vollbremsung. Zum Glück hat das auch der Fahrer hinter dem WoMo wahrgenommen, der bremste deutlich hörbar ab und ließ mir so eine Lücke, in die ich einscheren konnte. Die Alternativen wären Kollisionskurs oder Leitplanke gewesen, hört sich beides nicht wirklich sexy an.

Der Rest des Tages verlief ziemlich „galama“: Frühstück allein (Birgit hat wohl nichtmehr mit meiner Rückkehr gerechnet), danach Lektüre einer umfassend aufbereitete Abhandlung des Fall Barschel (das aktuellste, was die Camper-Bibliothek hier am Platz zu bieten hat), später ein Querfeldeinmarsch zum Strandkurhaus. Dort fand heute ein Flohmarkt statt, der war aber, als wir angekommen sind, schon ziemlich „verloffen“.

Waging hat sich gemacht … und nicht zu seinem Schlechten

Ein Tretboot in Seenot

Nach unserer Rückkehr hat uns die Nachbarin X noch ziemlich zugetextet, jetzt sitzen wir mal wieder am See und lassen diesen mehr oder weniger chilligen Tag würdig bei einem Gläschen Roten ausklingen.

Alles Super (Plus)

Ich ringe gerade mit mir, ob ich diesen Ausdruck oder eher „tengo pantalones“ zur Überschrift des heutigen Tages küren soll. Ich habe mich jetzt für diese Variante entschieden, werde es mir aber nicht nehmen lassen, auch die Andere zu erläutern.

Aber, wie immer, von Anfang an: das Frühstück entfiel heute, dafür war Duschen angesagt. Nach einer ausgiebigen Grundreinigung ging’s dann los, erste Etappe war die freundliche BMW-Vertragswerkstatt in Piding. Dort hatte ich schon letzte Woche angerufen um abzuklären, dass die Birgits High-Tech Kupplungshebel mal zwischenrein schieben.

Sichtung beim :-)

Nachdem dieses Thema fast zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt war (in der engsten Einstellung startet das Kälbchen nichtmehr mit eingelegtem Gang), machte sich bei uns ein gewisses Hungergefühl im Vestibül breit. Irgendwo zwischen Mäc, Burger-King und Bäckerei hin- und hergerissen entschieden wir uns für letzteres (wir wissen ja: Kalorien sind die bösen Viecher, die nachts die Klamotten enger nähen).  Die Speise war demnach eher bescheiden, dafür war die Aussicht um so besser: vor unserer Nase überquerte eine Dame die Straße, für die der Ausdruck „alte Schabracke“ sicher erfunden werden müsste, so er den nicht schon existieren würde. Alter irgendwo zwischen 35 und 105 Jahren, sonnen-/ solariumgegerbte Haut, enge, knallrote Hosen, bei denen man jeden Wunsch von den Lippen ablesen kann, und dazu eine mega-coole Sonnenbrille.

Nach dieser Stärkung sollte es nun auf die gewählte Tagestour durch die Salzburger Alpen gehen. Vorher war, dem Konfirmanden-Tank des Kälbchen sei’s gedankt, noch Sprit-Fassen angesagt. Irgendwie habe ich mich dabei so blöd angestellt, dass ein Großteil des teuren Treibstoffs nicht in meinem Tank, sondern auf mir, meiner Jacke, der Kuh und dem Boden landete. Da stand ich nun, benzingetränkt und umgeben von einem glitschigen See Super Plus. Mir kam zwar zuerst die in der Tages-Überschrift verewigte Assoziation, diese finde ich aber auch nicht schlecht: ich stand sozusagen mitten im Aral-See!

Und da rauszukommen war auch garnicht so leicht. Den Motor anzulassen getraute ich mich nicht, da ich Angst hatte, die Sprit-getränkte Kuh könnte samt Sprit-getränktem Fahrer in Flammen aufgehen. Und schieben ist bei dem Viech generell keine angenehme Angelegenheit, und das gilt unter den o.g. Umständen nicht minder. Irgendwie habe ich es dann doch geschafft, und zum Glück hatte die Tanke auch einen Kärcher, mit dem ich die Kuh soweit reinigen konnte, dass ich mich wenigstens getraute, sie wieder anzulassen.

Von diesem Moment an konnte es eigentlich nur besser werden, und das wurde es auch: ich hatte zwar noch etwas Benzingeruch am Leib, aber Reifen und Bremsen waren schnell trockengefahren und schon in den nächsten Kurven hing die Kuh mal wieder am Gas wie nix Gutes! Irgendwann stellte sich uns ein Mauthäusl samt Schranke in den Weg, und zähneknirschend löhnten wir die 7 Eu um die Roßfeld-Strecke, Europas höchste Alpenstraße von Deutschland, befahren zu dürfen. Dass die Dame am Schalter dann auch noch 50 Cent für den obligatorischen Ich-war-hier-Aufkleber haben wollte, fand ich fast eine Unverschämtheit.

ganz oben: Gustl an Deutschlands höchster Panoramastrasse

Oben angekommen standen wir, mal wieder, bei fast 30 Grad im Schnee. Es lag zwar noch relativ viel Schnee, aber der war eher schwarz als weiß. Und die Stellen, von denen sich der Schnee bereits zurückgezogen hatte, waren von einer Farbe und Konsistenz, für die wahrscheinlich nichtmal Douglas Adams die richtigen Worte fände.

Das hat mich aber nicht davon abgehalten, mich meiner völlig durchgenässten Oben-Oberbekleidung zu entledigen und mich von der Fast-schon-Mai-Sonne wärmen und bräunen, pardon, röten, zu lassen.

bei dem Wetter kann man schon mal oben ohne!

Und da wir ja schon die Maut gezahlt haben, wollten wir die auch optimal ausnutzen. Also habe ich mir kurzerhand das Kälbchen geschnappt und bin mit ihm nochmal zu Tale geritten. Das Vieh hat zwar in der ersten Kehre beim Runterschalten so mit dem Arsch gewackelt, als ob es mich abschütteln wollte, trotzdem, oder gerade deshalb, bin ich zur Erkenntnis gelangt, dass das Kälbchen wohl ein ganz schön hormongesteuerter Jungbulle ist.

Die Kurven und Kehren zurück in’s Tal habe ich dann mit so einem Elan genommen, dass ich mir selbst gedacht habe: „ich bin schon die geilste Sau im Stall“, oder, wie ich in der letzten Spanisch-Stunde gelernt habe: „tengo pantalones“, was sich wohl am besten sinngemäß mit „ich habe ganz schön Eier in der Hose“ übersetzen lässt.

Nach diesem Höhepunkt (geografisch, fahrtechnisch und hormonell) ging’s dann eher beschaulich weiter: das Kehlsteinhaus ließen wir, wie den Führerbunker, links bzw. rechts liegen und strebten vielmehr den nächsten Aldi an, um unsere Vorräte für den bevorstehenden Feiertag zu vervollständigen.

Salzburger Nockerl’n

Nach einem perfekten bayerischen Frühstück ging’s los. Ok, war nur fast perfekt, es fehlten Brezen, Radi und a Weißbier, eigentlich gab es nur ein Paar Weißwürste und dazu süßen Senf, der den Zenit seiner Genießbarkeit auch schon deutlich überschritten hatte. Immerhin: es war ein Frühstück und es war bayerisch.

Wie gesagt: nach dem Frühstück ging’s los. Ok, nicht direkt nach dem Frühstück, erst musste ich die aus dem Netz runtergeladene Route noch etwas beschneiden. Der Autor dieser Route hat als ersten Abschnitt die Strecke Traunstein – Salzburg auf der Autobahn vorgesehen, dagegen sprachen 2 Argumente: erstens wäre die Fahrt nach Traunstein „rückwärts“ gewesen, und zweitens möchte ich meine Kuh nicht durch ein Pickerl verunzieren (und drittens möchte ich kein Pickerl kaufen).

Danach ging’s dann aber wirklich los. Das mit dem Beschneiden der Route hat allerdings nicht so ganz funktioniert, ich habe wohl noch ein kleines Stückchen Autobahn dringelassen, was sich mit der Einstellung „Mautstraßen vermeiden“ so gebissen hat, dass wir uns in einer Endlosschleife festgefahren haben. Nachdem wir das dritte Mal durch Elsbethen gefahren sind haben wir dann kurzerhand entschlossen, uns den Anweisungen des Navis vorübergehend zu widersetzen.

Nach dem Motto „der Klügere gibt nach“ hat es uns dann doch noch auf die geplante Route gelotst. Diese ging zunächst über eher unspektakuläre Bundesstraßen. Und da wir nicht wissen, wie die Ösis so ticken bezüglich Blitzen von hinten oder ähnlichen Nicklichkeiten, hielten wir es auch für besser, uns halbwegs an die Regeln zu halten. Die Zeit nutzten wir zum Gedankenaustausch über unseren Helmfunk. Gesprächsthema Nummer 1 war Wohnwagen-Nachbar Klaus, also jener, der heute seine Fuhre in Jena abholt und sich gestern erstmal bei uns erkundigt hat, wie man denn am Berg anfährt. Der Gedanke, dabei mit einem Fuß die Bremse zu bedienen, schien ihm sichtlich Unbehagen zu bereiten. Naja, wird schon werden!

Irgendwann haben wir dann die Bundesstraße verlassen und sind auf die Postalm-Straße, eine private, Maut-finanzierte Höhenstraße eingebogen. Brav und ordentlich haben wir die aufgerufenen 4 Eu je Mopped gelöhnt, was wohl eher unüblich ist: die eingeborenen Kradler huschen wohl eher hinter den Autos durch die Schranke.

Kuh am Mauthäusl

Die Strecke war ziemlich anspruchsvoll, mit einigen deftigen Kurven und Kehren, und das ganze bei nicht-optimaler Qualität der Fahrbahn, Engstellen mit Gegenverkehr und fehlender Leitplanke. Besonders letzteres hat Birgit wohl wechselweise Kopfzerbrechen und Bauchweh bereitet, und das, obwohl ich sie dauernd über die aktuelle Verkehrslage auf dem Laufenden gehalten habe. Ich hingegen fand die Strecke großartig, habe gefühlt eine Schräglage von 90° erreicht und konnte Birgits Aussage, sie würde lieber auf Skiern abfahren, beim besten Willen nicht verstehen.

Wie dem auch sei, wir sind beide heil unten angekommen, und dort erwartete uns das Ehemalige-Bundeskanzler-Urlaubs-Revier, das Salzkammergut und der Wolfgangsee.

im weißen Röß’l am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür …

Da konnten wir uns einen Abstecher nach St. Wolfgang und zum Weißen Rößel natürlich nicht entgehen lassen. Es ist ja noch sehr früh in der Saison, eigentlich hat die Saison ja noch nichtmal angefangen, trotzdem waren die Straßen und Cafés schon ordentlich mit knipsenden Chinesen und Japanern gefüllt. Trotzdem konnten wir noch einen Platz mit Seeblick im Café des Rößls ergattern. Auf der Karte wurden „Salzburger Nockerl’n“ empfohlen, und so ein paar lecker Grießknöpfe würden uns beiden gut reingehen. Dazu jeweils ein Kaba mit Sahne, die hier Obers heißt, da kann man ja nichts falsch machen.

Oder vielleicht doch: was uns serviert wurde hatte definitiv nichts mit Grießknöpfen zu tun. Es sah vielmehr aus wie das Dekolleté einer drei-busigen Mutantin. Außerdem war es nicht aus Grieß, sondern hauptsächlich aus Ei-Schnee zubereitet und so babb-süß, dass man mit einem einzigen Teelöffel davon eine ganze Legion Diabetiker ins Koma befördern könnte. Es war sogar so süß, dass wahrscheinlich sogar Amerikaner nur minimal nachzuckern würden.

Salzburger Nockerl’n …

Irgendwie haben wir auch das geschafft, schließlich mussten wir ja auch dafür zahlen. Als Belohnung dafür haben wir uns dann erstmal einen Bosna, die Salzburger Variante des Hotdogs, gegönnt.

Nach dieser Sodbrand-Präventionsmaßnahme konnten wir gestärkt den Nachhauseweg angetreten. Wir haben die vorgesehene Route dann irgendwann verlassen, da Birgit mittlerweile etwas Kupplungshand und Rücken hatte und auch der Himmel nicht so recht garantieren wollte, dass wir trockenen Hauptes zu Hause ankommen sollten.

Insgesamt waren wir ziemlich genau 200 Kilometer unterwegs, daher muss ich meine Aussage zu unserem Spin gestern korrigieren: wenn das heute 200 km waren, dann waren wir gestern wahrscheinlich höchstens 130 unterwegs.

Reizüberflutung, Fortsetzung

So, mittlerweile bin ich gedämpft genug. Also zurück zum heutigen Tage. Das erste bewusst wahrgenommene Gefühl war … SCHMERZ! Und zwar genau jener Schmerz, den ich mein Leben lang mit Waging bzw. Camping assoziieren werde … der Schmerz einer bis zum Bersten gefüllten Blase und dem Bewusstsein, dass der nächste Abort über 100 Meter entfernt ist. Ein Blick auf’s iPhone verrät zweierlei: zum einen habe ich keine neuen Likes bei Instagram eingefahren, zum anderen ist es halber Sechse! Nochmal verkneifen geht beim besten Willen nicht, also Birgit geweckt, Hose und Schuhe angezogen und einen mächtigen Strahl Wasser zur Erde bzw. in’s Porzellan gestellt.

Nach dem endgültigen Aufwachen, ca. 2 Stunden später, hieß es zunächst Rindviecher abladen und danach Einkäufe für das bevorstehende Wochenende zu erledigen. Dabei konnte ich, beim besten Willen, dem Charme der Bäckereifachverkäuferin nicht widerstehen, die uns auf unseren Wusch nach einem kümmelfreien Brot ein Kümmelbrot verkaufte. Außerdem: Getränke Frank, unser jahrelang treuer Lieferant für fast-göttliche Cervezia, hat upgegradet und betriebt nun eine Vinothek in Downtown Waging!

Nach einem erbaulichen Frühstück mit Filter-Kaffee, Kümmelbrot und Butter (wie es uns die Fachkraft nachhaltig an’s Herz legte), ging’s los. Ich muss sagen: keine 500 Meter und ich war im siebten Himmel. Die Kuh hing am Gas wie nix gutes, der Planet wärmte Körper und Seele und das Auge war von den sich ihm bietenden Reizen, dem strahlend blauen Himmel, dem tief-blauen See, den schneebedeckten Bergen, den satt-grünen Wiesen mit dem gelben Löwenzahn, … schier überfordert, aber das hatten wir ja schon.

In Traunstein war ein kurzer Zwischenstopp angesagt, da der GMS-Empfang hier am Platz allenfalls als sub-optimal bezeichnet werden kann und Birgit unbedingt noch den vorletzten Spieltag der Saison „durchtippen“ musste. Also tranken wir einen Kaffee respektive Tee im Schatten der Kirche, in der unser aller Oberhirte seinerzeit die Priesterweihe empfangen hat. Geboren ist Papa-Ratzi übrigens in Hufschlag, einem mittlerweile nach Traunstein eingemeindeten Örtchen, dessen Name mich schon bei meinem allerersten Waging-Besuch köstlich amüsiert hat. Somit ist der Papst offiziell ein Traunsteiner, was einem schon an der Autobahn mit einem überdimensionalen Schild klargemacht wird, und auch ansonsten hält sich die Stadt diesbezüglich nicht zurück: wir sind Papst!

Mir san net nur mir, sondern auch Papst

Danach ging’s weiter Richtung Ruhpolding. War schon ein imposanter Eindruck: das Thermometer im Cockpit zeigt 30 Grad an und am Straßenrand türmen sich die Schneeberge. In Ruhpolding war ein Photo-Halt angesagt, bei dem es Birgit tatsächlich fertig gebracht hat, sich beim Photographieren die Hand am Auspuff zu verbrennen. Unser Versuch, ihre Schmerzen durch Brandsalbe zu verringern scheiterte um 13:03 Uhr an den bayerischen Ladenöffnungszeiten.

Endstation Sommerfrische

Die weiteren Etappen unseres ersten Spins hießen Reit im Winkl, Kössen, Gschwend, Epfendorf und Lofer. Leider habe ich mein Navi im Wohnwagen vergessen, so dass ich weder mit einer Aufzeichnung noch mit detaillierten Informationen zur Strecke aufwarten kann. Ich denke mal, es werden so um die 200 Kilometer gewesen sein, für ein Warm-Up garnicht so schlecht.

Zurück am Platz wurden wir von den Nachbarn ausführlich interviewt. Besonders Klaus zeigte reges Interesse, da er just morgennach 40-jähriger Abstinenz ein Motorrad in Jena abholt und das dann gleich über 400 Kilometer nach Bayern überführt — Einschub: wie mir Birgit gerade beim Korrekturlesen sagte, ist er damals auch nur einen Monat lang gefahren — Und der Friese Junior will jetzt auch unbedingt den Motorrad-Lappen machen, dabei weiß selbst die kleine Johanna: der Will wohnt in Holland!

Viehtransport

Vor jeder großen Fahrt (Japan, Thailand, Ludwigshafen, …) gibt es bei uns ein festes Ritual: die Kaffeemaschine muss grundgereinigt und trockengelegt werden. Dieses Unterfangen stand diesmal unter einem schlechten Stern: ich habe es doch tatsächlich verschwitzt, neuen Entkalker zu bestellen. Na gut, dann halt ohne Entkalkung. Außerdem möchte ich am Morgen der Abfahrt natürlich auch noch einen leckeren Bezug, daher kommt es jedes Mal zum Konflikt, ob ich die Maschine abends oder morgens putze.

my big bright CLEAN pleasure machine

Da eine große Reinigung (ohne Entkalkung) über eine Stunde dauert, war früh aufstehen angesagt. Trotzdem kam ich erst gegen 11 Uhr beim Hänger-Verleiher an. Über dessen Büro werde ich vielleicht mal einen eigenen Artikel verfassen, es ist ein Traum irgendwo zwischen Kitsch und Spelunke … aber das tut hier nichts zur Sache.

Der Hänger ist echt klasse: pneumatisch auf Bodenniveau absenkbar, selbst das verladen der Mutterkuh war (fast) kein Problem. Ok, ich habe trotzdem 3 Anläufe benötigt: beim ersten Mal war mir nicht klar, ob der Radständer durch einen Splint arretiert ist. Leider wollte kein freundlicher Passant vorbeikommen, der mir diese Frage durch einen einfachen Handgriff hätte beantworten können. Auch kein Problem, einfach das Handy aus der Arschtasche fummeln und Birgit anrufen, schließlich stehe ich ja direkt unter ihrem Bureau. Mist, geht nicht dran, also wieder runterrrollen … kein Splint, schnappt problemlos um, also wieder drauf und umschnappen lassen … soweit, so gut, leider hält der Ständer allein, ohne zusätzliche Abspannung, mein Prachtviech nicht. Da ich die Kuh halten muss, kann ich ihr aber keine Zügel anlegen …außerdem stehe ich auf der falschen Seite, so dass der Seitenständer, wenn ich ihn denn ausklappen würde, in der Luft hinge …. also nochmal der Griff zum Handy, wieder erfolglos, Versuch Nummer 2 abgehakt.

Birgit hat mich dabei die ganze Zeit vom Fenster aus beobachtet und sich schlussendlich doch erbarmt, mir bei meinem schwierigen Unterfangen zur Hand zu gehen. Um ein Erfolgserlebnis verbuchen zu können haben wir dann erstmal das Kälbchen verladen. Was soll ich sagen: drauf, rein, sitz, wackelt und hat Luft, die Gurte dran und gut is’.

Der dritte (4-händige) Versuch war dann auch bei der Kuh von Erfolgt gekrönt. Sie hatte zwar eine minimale Seitenneigung, aber die hat sich während der gesamten Fahrt um kein Grad/ keinen Millimeter geändert.

unser Vieh-Transport

Insgesamt hat das Verladen keine Stunde gedauert, schon ging’s auf die Autobahn. Der erste Mäc hatte keinen adäquaten Parkplatz für unseren Viehtransport, bis zum nächsten hätte mein Magen nicht durchgehalten. Aber: Burger-King macht ohnehin die leckereren Burger, vom „Hot Blond Brownie“ ganz zu schweigen. Gesättigt ging’s zum nächsten Etappenziel, einer Stippvisite in der Kurze Straße. Dort konnte ich mein akutes Kaffee-Defizit kompensieren, außerdem durften wir Karls Operations-Narbe begutachten (Zitat Birgit: „mein Vater hat ‚ne Muschi am Rücken“) … und schon ging’s weiter.

Das Mercedes-Navi hätte uns mehrfach in die dicksten Stäue geführt, aber nicht mit mir! Auf den Spuren unserer frühesten Waging-Fahrten habe ich die Route über Nürnberg und die A6/ A9 gewählt.

Bei Nürnberg haben wir die Autobahn dann kurz verlassen, um das notwendigste zu besorgen: Gin (für’s Protokoll: Bombay Saphire war mir mit 20 Eu für 0,7l entschieden zu teuer, Gordon’s ist schließlich auch gut genug!), einen Tassenfilter (im Wohnwagen gibt’s nur eine Senseo, davon bekomme ich Zahnweh, und meine Herdkanne habe ich vergessen) und die zugehörigen Filtertüten. Das Einkaufszentrum war eine Mischung zwischen französischem Konsumtempel und einer Flughafen-Halle.

Mall oder Airport-Terminal (dt.: Einzelhandelszentrum oder Flughafen-Abfertigungshalle)?

Die A9 ist mittlerweile zur echten Rennbahn ausgebaut. Ich will nicht wissen, wieviele Autos mit über 300 Sachen an uns vorbeigerauscht sind. Total unverantwortlich, diese Idioten. Und von der Umweltbelastung will ich erst garnicht reden. Die sollten sich mal ein Beispiel an mir nehmen: völlig entspannt cruise ich mit einem auf 107 km/h eingestellten Tempomaten meinem Urlaub entgegen.

Beim Benzin-Fassen hinter Ingolstadt (natürlich abseits der Autobahn, wir alten Sparbrötchen), sprach uns ein Trucker an, der uns bereits irgendwo zwischen Köln und Montabaur gesehen hatte. Ich konnte ihm glaubhaft versichern, dass wir noch einen Abstecher „bei Verwandten“ gemacht haben.  Immerhin: unser Vieh-Transport fällt auf.

Insgesamt waren wir 10 Motor-Stunden (laut Bordcomputer) unterwegs. 10 Motor-Stunden, das bedeutet mindestens 20 x Nachrichten im Radio. Und da nicht so viel während eines Tages passiert, habe ich die letzten 3 Stunden auf jede Nachrichtensendung mit allergischen Fingerzucken (Umschaltknopf, meist vergebens) und Schreikrämpfen reagiert.

Irgendwann sind wir dann tatsächlich doch noch in Waging angekommen, wobei ich die letzte halbe Stunde als durchaus grenzwertig bezeichnen würde: sich Zini-artig entfaltende Zone 30 Schilder, das ist schon hart an der Grenze zur Halluzination.

Aber der erste Blick auf den unermesslichen bayerischen Sternehimmel (und das sind nur die Sterne des Landkreis’ Traunstein!) und der erste Zug der Kuhdung-geschwängerten Luft versöhnen mich mit allem und jedem (von ersten Bier ganz zu schweigen): I’m coming Home!.

Rheinisch-Bayerische Völkerverständigung

Reizüberflutung

Strahlend blauer Himmel, tief-blauer See, schneebedeckte Berge, satt-grüne Wiesen mit gelbem Löwenzahn … nachdem es noch keine 24 Stunden her ist, dass ich zu Hause die Heizung ausgedreht und das Auto im Nieselregen fertig beladen habe, ist das doch etwas viel. Deshalb muss ich meinen Nervus Sympathikus erstmal mit psychoaktiven Substanzen (aktuell: Marke „Unser Bürgerbräu“) dämpfen. Um aber den chronologischen Ablauf der Vorgänge halbwegs einzuhalten, halte ich hier kurz inne …