Hawkeye

Eine einfachere und sicherere Methode, in ein aktives Kriegsgebiet zu kommen, wird es wohl kaum geben: zunächst muss man ordentlich gekleidet sein, damit die Nordkoreaner nicht denken, die von der anderen Seite wären so arm, dass sie sich keine gescheite Klamotten leisten könnten. Demnach sind kurze Röcke sowie ärmellose und bauchfreie Oberteile tabu. Ok, dass tangiert uns nicht wirklich. T-Shirts mit Rundkragen sind allerdings auch nicht zulässig (warum auch immer?), was für mich dann eine gewisse Herausforderung darstellt: mein Mouserschmidt Shirt halte ich politisch für genauso wenig angebracht wie das in Peking gekaufte (dessen Botschaft ich zwar bis heute noch nicht entschlüsselt habe, in dem mich aber schon Chinesen in aller Welt photographieren wollten). Also entschied ich mich für ein Polo-Shirt, das haarscharf am Kriterium bauchfrei vorbeischrappt.

Nachdem diese Hürde genommen ist, müssen wir nur noch kurz unterschreiben,  dass wir verstanden haben, dass man auf die Nordkoreanischen Soldaten weder mit dem Finger zeigen noch ihnen zuwinken darf (fotografieren ist in Ordnung, aber nur Richtung Norden und nicht mit mehr als 50 mm Brennweite), und das war’s dann. Ok, nicht ganz, außerdem müssen wir auch noch bestätigen, dass wir verstanden haben, dass es sich bei der Entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, entgegen ihrem Namen, tatsächlich um ein aktives Kriegsgebiet handelt und dass man dort schlimmstenfalls, quasi als Kollateralschaden, totgehen kann. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit hierfür relativ gering, schließlich stehen wir ja unter dem Schutz der Vereinten Nationen. Außerdem ist der letzte tödliche Zwischenfall mit Touristen verdammt lang her (2008).

Dergestalt vorbereitet geht’s los: erste Attraktion der „3. Infiltrationstunnel“, mit dem sich der Norden Weg für Spione und Invasionstruppen bahnen wollte. Der 400m lange zugängliche Teil des Schachts war verdammt niedrig. Mein Helm nahm sichtbar Schaden und meine Oberschenkel brennen von dem gebückten Watschel-Gang immer noch wie Feuer. Zugegebenermaßen: im Vergleich zu den Vietkong-Tunneln war dieser, passend zum typischen koreanischenKörperbau (siehe Kim Jong Un), wenigstens hinreichend breit. Trotzdem besuche ich das nächste mal doch lieber die Hünen-Tunnel in Schweden (falls es die gibt).

Danach ging’s zu einer Aussichts-Plattform, wo wir, mit kurzer Brennweite (s.o.), u.a. den größten Fahnenmast der Welt photographieren durften. Allerdings war das Wetter so suppig, dass wohl selbst der beste Photoshop-Filter den Bildern kaum etwas Lebendigkeit einhauchen wird. Danach stand noch ein Geister- und Sackbahnhof und ein Tour-üblich schlechtes Mittagessen auf dem Programm, bevor es zum Höhepunkt der Veranstaltung ging, nämlich nach Panmunjeom, jenen Ort exakt auf der Demarkationslinie, an dem die Verhandlungen zwischen Nord und Süd stattfinden. Dort konnten wir dann, innerhalb eines UN-Gebäudes, tatsächlich Nordkoreanischen Boden betreten. Süd-Koreanische Staatsbürger dürfen hier übrigens nur nach umfassender geheimdienstlicher Prüfung herkommen, und für jene mit Verwandten im Norden ist der Zugang generell verwehrt. Scheinbar hat hier auch die „freie Welt“ Angst, dass der eine oder andere ihrer Bürger „rübermacht“.

Insgesamt war die Tour, oberflächlich betrachtet, eher wenig spektakulär. Aber das Bewusstsein, an einem Ort zu sein, an dem tatsächlich Kriegt herrscht, den wir, zum Glück, sonst nur aus Erzählungen und der Tagesschau kennen, war dann doch etwas ganz Besonderes.

Swamp

es ist wieder mal so weit: ich liege im Hostel auf dem Bett und überlege mir krampfhaft, wie ich den ersten neuen Beitrag in unserem Yodo-Blog einleiten soll. Nun ja, üblicherweise beginne ich mit der Beschreibung des Flugs. Der verlief aber mal wieder so reibungslos unspektakulär, dass ich ohne Weiteres einfach die entsprechende Passage aus dem letzten Reisebericht hierher Copy’n Pasten könnte. Um aber doch irgendwie einen Einstieg zu schaffen: ich bin mittlerweile wieder zum echten Fan unserer Kranich-Airline geworden: vernünftige Abflugs- und Ankunftszeiten, modernes fliegendes Gerät, einen Kapitän, dessen Durchsagen man versteht (auch die englischen), (fast) genießbares Essen, hübsche Stewardessen … was will man mehr – ok, Beamen wäre super … oder First-, Business oder Premium Economy-Class …

Auch die Themen Immigration und Flughafentransfer verdienen ob ihrer Komplikationslosigkeit mal wieder keine Erwähnung in unserem Blog. Einzig ein kleiner Schreck ereilte uns, als Birgits Kreditkarte beim Versuch, Geld abzuheben, Sicherheits-gesperrt wurde. Aber auch das hatten wir schon öfters und konnten die Bank bei einem Anruf durch das Beantworten kniffliger Testfragen von unserer authentischen Identität überzeugen (Frage 1: „wann und warum wurde Ihnen schon mal die Karte wegen Missbrauch durch Dritte gesperrt“ – Antwort: „ja, das ist aber schon ’ne Weile her“; Frage 2: „wo haben Sie im November 2015 mit der Karte ein Hotel gezahlt?“ – Antwort: „keine Ahnung, das ist ja schon ewig her … vielleicht Malaysia oder Thailand? … könnte aber auch Ludwigshafen gewesen sein“).

Was gibt’s darüber hinaus noch zu erzählen? – nicht viel, daher hier ein paar erste Eindrücke in Kurzform:

  • Seoul erscheint uns wie eine Melange aus Tokyo und Bangkok: allgegenwärtige Beschallung wie in Tokyo (nur doppelt so intensiv), Geruchskulisse („Gruß aus der Kanalisation“) wie in Bangkok (nur halb so schlimm)
  •  A Propos Beschallung: hier wird man nicht nur von Personen, sondern auch von allen Arten Maschinen (Autos, Ampeln, Lifte, Rolltreppen, Geldautomaten, …) zugetextet. Zu unserer Überraschung redete der Einwanderungs-Automat am Flughafen sogar Deutsch mit uns
  • die Rezeptionistin hier in unserem hippen Hipster-Hostel textet uns, im Gegensatz zu unserem teutonischen Flugkapitän, mit einem absolut unverständlichen Englisch zu (und ich verwehre mich ausdrücklich gegen Birgits Behauptung, das könnte an meinem teutonischen Gehör liegen)
  • koreanisches Bier wird komplett ohne Hopfen gebraut, was über kurz oder lang dazu führen könnte, dass ich Beck’s (oder notfalls sogar Heineken) dem „local beer“ bevorzöge
  • der miese erste Eindruck vom Bier wurde durch das Streetfood (bisher: Spiegelei auf süßem Hefeteig, Meeresfrüchte am Spieß und mit Reisschleim gefüllte Würstchen) mindestens kompensiert

… ok, wir haben jetzt 18:30 local time, was 11:30 in Köln entspricht. Damit bin ich jetzt seit ziemlich genau 30 Stunden wach und mir will nichts Sinnvolles mehr einfallen. Schlafen ist allerdings auch noch nicht drin, da ansonsten spätestens um 3:00 Uhr nachts lokal der Jetlag erbarmungslos zuschlüge und sich damit auch die nächsten Tage breitmachen würde.

Während ich den letzten Absatz geschrieben habe ist mir dann doch noch etwas Bemerkenswertes eingefallen: unser Flug von Frankfurt nach Seoul führte „oben rum“, also über den Polarkreis. Damit ging für uns, obwohl wir ja nach Osten, also eigentlich in die Nacht, geflogen sind, während des gesamten Flugs die Sonne nicht unter.

 

38°N

Diesmal also Korea. Wieder eine Destination, die man nicht wirklich als typisches teutonisches Reiseland bezeichnen kann. Sehr zu Birgits Verdruss gibt es nicht einmal einen deutschen LP-Reiseführer.

Das Land hat sich in einem dramatischen Finale gegen die Toskana, eine griechische Insel (deren Namen haben wir schon wieder vergessen haben) und Thailand durchgesetzt. Die Tickets sind gebucht (mit einem Kranich-A380), und die Tradition will, dass das mit einem Eröffnungs-Beitrag im Yodobashi-Blog gebührlich gefeiert wird.

Ok … Korea also … warum? Was erwartet uns dort?  Was erwarten wir? mmmh …  machen wir doch erstmal Brainstorming, was uns zu diesem Land einfällt:

  • Korea ist seit den 50er Jahren längs des 38. Breitengrads geteilt
  • in dem Krieg, der zur Teilung des Landes führte, gab es auf amerikanischer Seite ein mobiles Armee-Lazarett, in dem es überaus lustig zuging
  • die Hauptstadt des kommunistischen Nordens, Pjönjang, ist der östliche Endpunkt der Achse des Bösen
  • laut unserer Presse herrscht dort eine pummelige Diktatoren-Karikatur über eine Hunger leidende Bevölkerung und bedroht die freie Welt mit selbstgebastelten Atom- und H-Bomben
  • so eine richtige Bedrohung ist das aber gar nicht, da die Bomben wahrscheinlich genauso wenig funktionieren wie die Träger-Raketen …
  • … oder vielleicht doch … ?
  • … wahrscheinlich nicht, aber man weiß ja nie! …
  • … deshalb finden alljährlich Südkoreanisch-Amerikanisch-Japanische Manöver statt
  • die Rhetorik zwischen Nord und Süd (insbesondere während dieser Manöver) scheint mir wie eine „Kuba-Krise Light“
  • „Stalinistische Architektur“: Bilder aus Pjönjang erinnern mich an die Frankfurter Allee in den 80ern
  • ich würde mich gerne von dieser Zeitmaschine 50 Jahre zurückversetzen lassen, aber die Einreise in diesen Arbeiter- und Bauernstaat ist wohl für Otto-Normal-Traveller nicht (mit vertretbarem Aufwand, und schon gar nicht so kurzfristig) möglich

Naja, das meiste was uns einfällt, hat hauptsächlich mit dem Teil des Landes zu tun, in den wir nicht reisen dürfen. Was fällt uns also konkret zu Südkorea sein?

  • das Land ist eine ostasiatische Best-Of Mischung aus BRD (Maschinen- und Fahrzeugbau mit Hyundai und Kia) und Japan (Unterhaltungselektronik mit LG und Samsung)
  • in der Hauptstadt Seoul waren vor nicht allzu langer Zeit mal Olympische Spiele
  • Nationalgericht ist Kimchi, eine höllisch scharfe Sauerkraut-Variante
  • K-Pop bezeichnet eine schrill-bunte, quietschige Jugend-Kultur, die spätestens mit Gangnam Style auch zu uns übergeschwappt ist
  • die koreanischen Piloten, die beim Anflug auf KSFO zu kurz kamen, hießen „Sum Ting Wong“, „Wi To Lo“ und „Ho Lee Fuk“

Zugegeben: so ganz arg viel ist das nicht! Was für ein Wetter erwartet uns? Wo muss man gewesen sein? Was muss man gesehen haben? Was muss man (außer Kimchi) gegessen haben? Dazu kann ich momentan nur sagen: wir werden es herausfinden. Und: wir freuen uns darauf, es herauszufinden!