die spinnen, die Amerikaner … oder?

Nachdem wir gestern zum 4. Mal innerhalb von 5 Tagen vor 5 Uhr aufgestanden (2x davon vor 3 Uhr), hat mir Birgit abgerungen, dass ich sie heute mal ausschlafen lasse. Demnach sitze ich jetzt hier auf unserem Balkon, trinke lapprigen hawaiianischen Kaffe, höre dem Meer zu und habe genug Zeit, ein paar Gedanken (im übertragenen Sinne) zu Papier zu bringen.

Gestern beim Luau waren wir doch ziemlich verwundert, dass wir bei AYCE-Buffet und „Open Bar“ einen persönlichen Kellner zur Seite gestellt bekamen. Später wurde uns klar, dass der genau 2 Aufgaben hatte: den Sturm auf’s Buffet in koordinierte Bahnen zu leiten und den obligatorischen Tip, also das Trinkgeld, entgegenzunehmen. Ohne Tip geht hier nicht, nirgends. Im Restaurant sind 10, besser 15%, verpflichtend, auch wenn sie freiwillig sind (klingt komisch, ist aber so). Aber auch für ganz gewöhnliche Tätigkeiten wird ein Tip fällig: Mike, der Eisverkäufer, der sich sowohl nach unserem Namen als auch nach dem werten Wohlbefinden erkundigt, wäre sicher total gekränkt, wenn wir seine Freundlichkeit, während er die Tüte über den Tresen reicht, nicht mit mindesten 1$ honorieren würden. Ziemlich sicher würde ihm dieser Dollar am Ende des Tages schmerzlich in seinem Geldbeutel fehlen (Vermutung: Festgehalt Mindestlohn oder gar keins). So stellen wir uns den American Way vor: einfach noch ein wenig mehr Freundlichkeit an den Tag legen, statt nur einem 2$ Tip kassieren und dann: vom Eisverkäufer zum Millionär.

Im krassen Gegensatz zu dieser Mentalität steht die Art und Weise, wie man hier für dumm und unmündig erklärt wird. Die Warnung auf dem Kaffeebecher, dass der Inhalt heiß sein könnte, ist ja mittlerweile schon legendär. Warnhinweise dieser Art begleiten einen hier auf Tritt und Schritt: beim Steak wird darauf hingewiesen, dass der Verzehr von nicht durchgebratenem Fleisch zu Dünnschiss (oder schlimmerem) führen könnte, Tafeln warnen vor der Gefahr, sich am Strand am heißen Sand die Füße zu verbrennen, und beim Treppensteigen wird man aufgefordert, den Handlauf zu verwenden. Mittlerweile bin ich mir garnicht mehr so sicher, ob das mit dem Pudel und der Mikrowelle wirklich nur eine urbane Legende ist.

Ihre extremste Form nimmt die Bevormundung bei den Geschwindigkeitsbegrenzungen an. Vor ein paar Tagen sind wir auf der legendären „Road to Hana“ gefahren. Um diese Straße wird hier ein Riesen-Bohei gemacht. Wer, nach 50 Meilen mit einigen moderaten Kehren und vielen einspurigen Brücken, in Hana ankommt, darf sich dort ein T-Shirt mit dem Aufdruck „I survived the Road to Hana“ kaufen, das er dann mit dem gleichen Stolz wie sein „Iron Man Finisher“ trägt.

Auch ich war echt stolz, diese Strecke bewältigt zu haben, und zwar ohne irgendwie in die Fänge der Polizei geraten zu sein. Und das war bei den teilweise absurden Limits von 5 mph (ungefähr 8 kmh) eine echte Leistung. Auch wenn die Strecke landschaftlich durchaus reizvoll war, wollte ich sie doch nicht mit dem Motorrad fahren, da ich Angst hätte, in der Kurve wegen zu geringer Geschwindigkeit umzufallen.

Mahalo

Gestern waren wir auf einem Luau, einem traditionellen hawaiianischen Fest mit Wein, Weib und Gesang. Zu einem solchen Luau wurde seinerzeit schon Captain Coock eingeladen, der und dessen Mannschaft obiges Angebot aber missinterpretierten indem sie die Vorräte des Volkes plünderten und sich der angebotenen freien Liebe allzu umfassend bedienten (und dabei den Tripper auf die Inseln importierten). Ein klassischer Fall von interkulturellem Missverständnis, den der Entdecker letztendlich mit seinem Leben bezahlte.

Diese Gefahr bestand für uns zum Glück kaum: zum einen leisteten wir mit unserem Gastgeschenk von 110$ je Nase (+Tax +Tip, versteht sich) einen bescheidenen Beitrag zum Wiederaufstocken der Vorräte, zum anderen blieb uns der Anblick von allzuviel Nacktheit erspart. Evtl. stimulierende Körperteile waren züchtig mit Kokosnuss-Schalen oder Fasern bedeckt.

Trotzdem mussten auch wir uns auf den schwierigen Pfad der Verständigung mit der fremden Kultur begeben. Damit meine ich jetzt aber weniger die hawaiiische, die war für alle Anwesenden (und wahrscheinlich auch für den einen oder anderen Akteur) gleichermaßen fremd und wurde uns daher als eine Art „Best Of“ in homöopathischen Dosen verabreicht. Viel herausfordernder war das Eindringen in die Kultur des Gastgeber-Landes.

Dazu vielleicht vorab etwas zu den Rahmenbedingungen. Wie der eine oder andere Leser zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon vermutet, handelt es sich bei unserem speziellen Luau keineswegs um eine echte, traditionelle hawaiianische Feier, sondern  vielmehr um ein perfekt durchorganisiertes touristisches Event. Und das Maß der Durchorganisiertheit hat uns schon ziemlich beeindruckt: es gab ein Check-In, Bording-Pässe und eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft beim Eintritt (zur Tarnung dieses Sachverhalts wurden die Klassen „Coconut“ und „Pineapple“ genannt). Nachdem wir unseren Begrüßungscocktail in die Hand gedrückt und unsere Blumengirlande mit einem Herzen kommenden „Aloah“ umgehängt bekommen haben, führte uns unser persönlicher Kellner zu unserem Tisch, nicht ohne uns auf das vorzubereiten, was uns die nächsten Stunden erwarten würde: verschärfter Smalltalk.

Die Eröffnung erfolgt immer nach dem gleichen Muster: Name (natürlich nur der Vorname) und der Bundesstaat, aus dem man kommt. So durften wir also mit Jerry, Californien, und … keine Ahnung mehr, nennen wir in einfach Tom…, Ontario, samt Frauen unseren Abend verbringen. Oliver ist leicht, aus Birgit wird der Einfachheit halber Bridget, und Germany geht einem hier auch schon halbwegs ohne die andernorts übliche Scham über die Lippen. Danach folgten: zum wievielten Mal auf Hawaii?, wie viele Tage hier?, dann das gestrige Football-Spiel (ohne unsere Beteiligung), die aktuelle Euro-Schwäche (momentan planen wohl viele Amerikaner Europa-Reisen), das Eisenbahn-System in Europa (da war unsere Experten-Meinung gefragt), amerikanische Sportwagen aus den 60er Jahren (interessiert mich zwar prinzipiell, habe mich aber nicht getraut mitzureden), die deutschen Autobahnen (da lag der Ball eindeutig wieder bei uns) und das Reisen im Allgemeinen, was, wie zufällig, auch ganz gut in unser Themen-Portfolio passt. Also radebrechten wir munter und zwanglos, fast wie von selbst, drauf los und irgendwie gelang es unseren neuen Freunden immer, uns sinnerfassend zu verstehen (und vice versa). Ich hätte nicht gedacht, dass Smalltalk so einfach sein kann.

Irgendwann beendete unser persönlicher Kellner (dessen Name wir natürlich, im Gegensatz zu Tom und Jerry, vergessen hatten) das Gespräch, indem er uns zum Buffet führte. Nach dem Essen folgte die Show mit der besagten bedeckten nackten Haut: im Wesentlichen ein getanzter Abriss der hawaiianischen Geschichte von der Schöpfungszeit bis in die 1920er Jahre. Schade, dass es nicht noch länger ging, wir hatten uns shon auf die Tänzer mit Thomas-Magnum-Schnorres gefreut ;-)

Nach der Show gingen die Lichter an, der Host bedankte sich überschwänglich mit viel „Mahalo“ für den wunderbaren Abend, den wir ihm und der gesamten Truppe durch unsere bloße Anwesenheit bereitet haben. Nach der Verabschiedung von Tom und Jerry mit dem obligatorische „see you“ fuhren wir, nach einem ziemlich gelungenen Abend, zurück in unser Hotel. Aloha und Malaho!

Zwischenruf: See You!

Auch dem unbeliebten Nachbarn wünschen wir bedenkenlos einen „Guten Tag“ und selbst ein strammer Atheist wird, zumindest in Bayern, wahrscheinlich nichts gegen ein „Grüß Gott“ einzuwenden haben. Diese Floskeln stehen einfach für sich selbst, auch wenn einem der Tag des Gegrüßten am Allerwertesten vorbeigeht oder man mit dem allmächtigen Schöpfer reichlich wenig am Hut hat.

Auf englisch ist das für uns ganz anders: obwohl die Frage „How’re you today?“ nichts anderes als die Floskel „wie geht’s?“ bedeutet, fühlen wir uns dabei immer noch irgendwie unwohl. Unsere Antwort ist meistens ein ziemlich verdruckstes „fine, thank you“. Wir wissen zwar schon seit der 5. Klasse (und hören es hier jeden Tag vielfach), dass das ein Germanismus ist, die richtige Antwort ist „fine, how’re you?“, aber irgendwie will uns das nur schwer über die Lippen gehen.

Besonders schlimm finde ich die allgegenwärtige Abschiedsformel „see you later“ oder kurz „see you“. Ich kann nicht anders, als in diesem Moment zu denken, dass ich die mir gegenüberstehende Person mit verdammt hoher Wahrscheinlichkeit nie mehr sehen werden, weder später noch irgendwann. Das geht nicht nur uns so, auch von anderen Reisenden Deutschen (von denen es insbesondere in Australien genug gab) haben wir das schon gehört. Von denen verabschiedeten wir uns übrigens mit „auf Wiedersehen“.

Idiotenmarsch

Lange dachten wir (nicht wir persönlich, vielmehr wir als menschliche Rasse), die Sonne drehe sich um die Erde. Wenn dem so wäre, könnte man den Sonnenaufgang bestimmt auch mal ausnahmsweise (z.B. im Urlaub) auf 14 Uhr Mittags verlegen. Spätestens seit Galileo (nein, nicht die Pro7-Wissensendung) wissen wir aber, dass dem nicht so ist. Demnach müssen wir, um einen Sonnenaufgang live zu erleben, dann parat stehen, wann unser Zentralgestirn nun mal aufgeht. Und das ist selten (eigentlich: nie) um 14 Uhr nachmittags, nicht mal im Urlaub.

Soweit zu den Rahmenbedingungen. Um nun aber  den Sonnenaufgang auf dem Haleakala, der gemeinhin als einer der spektakulärsten unseres Planeten gewürdigt wird, zu erleben, muss man noch etwas früher aufstehen. Schließlich muss man bis dahin noch ungefähr 80  Meilen horizontale Strecke und 10.000 Fuß Höhenunterschied überwinden.

Diesen Preis für dieses einmalige Erlebnis zu zahlen fiel uns (dem einen mehr, der anderen weniger) leicht. Also, in chronologischer Reihenfolge: 3 Uhr Wecker, 3:05 Uhr Katzenwäsche, 3:10 Uhr „on the road“, 3:11 Beifahrer(in) schläft ein, 3:23 Fahrer überlegt kurz, ob es sinnvoll wäre, zu tanken, verwirft diesen Gedanken aber, schließlich ist der Tank noch fast 1/4 voll, 4:18 Lampe für Tank-Reserve beginnt zu leuchten, 4:21 Tank-Pegel bedrohlich niedrig, 4:22 Beifahrer(in) vorsichtig geweckt und Notlage gebeichtet, 4:24 mitten auf der Pass-Straße (16 Meilen horizontal, 1500 ft vertikal vom Ziel entfernt) gewendet, 5:13 Tankstelle gerade noch erreicht, ging ja glücklicherweise stetig bergab, vollgetankt, 7:01 die Sonne ist mittlerweile aufgegangen, Fahrer und Beifahrer(in)  schlafen den Schlaf der Gerechten…

… macht aber nichts, morgen (also heute) ist ja auch noch ein Tag. Den Anfang der Geschichte hatten wir schon (s.o.), diesmal erreichten wir aber den Gipfel, froren uns (gefühlt) bei 2°C im Schatten diverse lebenswichtige Organe ab, knipsten diese Zeitraffer-Video des phänomenalen Sonnenaufgangs und waren nachher mindestens so beeindruckt wie verfroren (richtiger: viel (der eine)/ etwas (die eine) mehr beeindruckt als verfroren).

Nachtrag: unsere Nachbarn, die unbedingt mit ihrem iPhone (inkl. Stöckchen)  ein Selfie mit dem Sternenzelt als Hintergrund produzieren wollten, sorgten immerhin dafür, dass unser Lachmuskel nicht einfror. Ungelogen: die wollten partout nicht kapieren, warum das einfach nicht klappen wollte: schließlich hatten sie ja sogar extra den Blitz angemacht!

Abschied vom Lande Mordor

Die Hawaii-Inseln wurden aus der großen Insel (Hawai’i) geboren, die große Insel wiederum aus dem Feuer, das Ruhe vor seiner Schwester, dem Meer, suchte. So oder so ähnlich lautet der hawaiiische Schöpfungsmythos. Die Geowissenschaftler sehen das offenbar ähnlich, auch wenn sie dabei eher Begriffe wie Plattentektonik, Magma und Hotspot benutzen.

Egal wie, mythisch, wissenschaftlich oder einfach nur augenscheinlich, ist Hawaii, zumindest die besagte große Insel, eine einzige Vulkan-Landschaft. Wer hier weiße, weiche Strände sucht wird ziemlich enttäuscht. Stattdessen erstrecken sich schwarze, schroff zerklüftete (will sagen: äußerst unkuschlige) Lava-Felder von den mächtigen Vulkanen bis hinab ins Meer.

Die Mächtigkeit der Vulkane fällt einem beim ersten Blick gar nicht so auf. So wundert es einen, dass die Hawaiianer stolz auf den höchsten Berg der Erde sind!? Wie bei vielen Superlativen ist das eine Frage der Interpretation. Auch in Ecuador waren wir schon einmal am höchsten Berg des Planeten. Die Lateinamerikaner maßen vom Erdmittelpunkt aus (wir erinnern uns: die Erde ist zu den Polen hin minimal abgeflacht). Hier wird von der Ebene aus gemessen, auf der der Berg ruht. Und da die über 6 km unter dem Meeresspiegel liegt, ist der Berg darüber über 10 km hoch.

Aber auch ohne diesen Trick kann der Mauna Loa einen unstrittigen Rekord für sich verbuchen: er ist auf jeden Fall der voluminöseste Berg der Welt, den Fuji könnte er glatte 300 mal in sich aufnehmen.

Und Hawaiis Vulkane sind nicht nur groß, sondern auch ungemein aktiv. Dauernd werden irgendwelche Strassen und Gebiete wegen Lavaflüssen und/ oder toxischer Gase gesperrt. Und stündlich kommt, nach Wetter und Verkehr, die Vulkanvorhersage. Leider werden wir Touris nicht wirklich in die Nähe vulkanischer Aktivität vorgelassen, wahrscheinlich haben die Angst, wegen geschmolzener Sohlen verklagt zu werden. Daher kann ich diesen Beitrag nicht mit spektakulären Bildern rot glühender Lava aufwerten. Aber auch der Anblick bereits erkalteter Massen, die sich durch ein (ehemaliges) Wohngebiet gewälzt haben, flößt einem eine gewisse Ehrfurcht vor dieser Naturgewalt ein.

Heute haben wir dieses Tolkien-hafte Land hinter uns gelassen und sind jetzt auf Maui, der zweiten Station unseres Insel-Hoppings. Dem ersten Eindruck nach scheinen die Vulkane hier nicht ganz so aktiv zu sein, weitere Berichte folgen.

Wieder einmal mussten wir feststellen: ein Reisetag ist ein Reisetag ist ein Reisetag! Obwohl die Netto-Flugzeit zwischen den Inseln gerade mal 35 Minuten beträgt, geht mit Bier „entsorgen“, Rucksack stopfen, Auschecken (75$ + Tax „Auscheckgebühr“), Mietwagen zurückgeben, Sicherheitskontrolle, Flug, Mietwagen abholen, im Hotel einchecken, neues Bier kaufen und Rucksack auspacken ein ganzer Urlaubstag drauf.

Mit der Unterkunft hier hatten wir echt Glück, die Anlage versprüht mal wieder echten Magnum-Charme (eher die späteren Episoden), außerdem genießen wir von unserem Balkon aus klasse Meerblick und -Hör.