Türen-Allüren

Wie nennt man eigentlich das Gegenteil eines Temperatursturzs? Unser letzter Tag in Moskau war immerhin trocken, gegen Abend dann sogar klar. Ohne die wärmende Wolkendecke ging die Temperatur nach unten, und die verbliebenen Pfützen verwandelten sich in Eisflächen. Die Wetter-App vermeldete etwas um die -10 Grad.

Gestern sind wir in Bangkok angekommen, hier ist es lauschige 30+ Grad warm. Morgen geht’s dann weiter ins Land des Lächelns, unseren Aufenthalt hier haben wir hauptsächlich mit Street-Food, Nutten-Gucken und einem gepflegten Durchfall inkl. Schüttelfrost (nur ich) verbracht. Doch dazu später (vielleicht) mehr.

In diesem Beitrag will ich unsere Moskauer Zeit noch einmal Revue passieren lassen. Ich glaube, zum Thema Wetter brauche ich mich nicht nocheinmal auszulassen. Krönender Abschluss war der Besuch im Bolschoj-Theater, es wurde La Traviata gegeben. Zum Glück haben wir uns vorher auf Wikipedia über den Plot informiert uns und das Best-Of auf Youtube angehört. Zum Mitsingen hat’s trotzdem nicht gereicht. Unsere nicht ganz angemessene Kleidung (immerhin habe ich das schwarze Ausgeh-Longsleeve angezogen und die Trecking-Schuhe geputzt) haben wir vor uns damit gerechtfertigt, daß wir wahrscheinlich die einzigen im Publikum waren, die unmittelbar nach dem Theater-Besuch um die Welt reisen.

So, also Wetter hatten wir, Bolschoj auch, über das Essen hat der Co-Blog von Yodobasha genügend berichtet. Bleibt mir hier nur noch, von den „Paläste des Volkes“ zu erzählen. Wir kennen nun mittlerweile doch schon einige Metropolen dieser Welt, und damit auch die jeweiligen ÖPNV-Systeme (Taxifahren ist für uns aus Geiz-Gründen stets die letzte Option). Und in deren Vergleich stellt die Moskauer Metro auch die Vorzeige-U-Bahnen der westlichen Welt (Paris, London, New York, Tokio) in Punkto Sauberkeit, Einfachheit und Effizienz locker in den Schatten.

Von der KVB will ich hier erst gar nicht anfangen. In Köln gehört es zum guten Ton, daß von allen Rolltreppen einer Haltestelle höchstens keine funktioniert, meistens aber eher weniger. In Moskau hingegen sind die wahren Wunderwerke der Ingenieurskunst nicht die Tunnel oder die kunstvoll gestalteten Stationen (siehe Foto-Galerie), sondern eben jene Rolltreppen. Dabei befördert eine einzige davon in der Stunde wahrscheinlich mehr Menschen als alle (funktionierenden) Kölner Ausgaben zusammen im Jahr. Teilweise über mehr als 100 Meter geht es hinab in die Tiefe, in die reich mit Dekor versehene Stations-Halle. Jede Station hat ihren eigenen Stil, meist überwiegen Szenen aus dem Arbeiter- und Bauern-Alltag oder aber Lenin wird in irgendeiner Weise verehrt. Alle Stationen haben Mittel-Bahnsteige, was das Umsteigen enorm erleichtert (wer schon mal in Paris Metro gefahren ist, weiß was ich meine).

Obwohl es nirgends Abfalleimer gibt, ist alles perfekt sauber, nahezu steril. Auch das U-Bahn typische Aroma, eine Melange aus Schimmel, Moder, einem Hauch Pisse und dem vanilleartigen Odeur, mit dem man versucht, diesen Geruch zu übertünchen, fehlen hier völlig.

Das rollende Material variiert je nach Linie zwischen hochmodern und laufendem Museumsbetrieb, aber die Wagen genauso gepflegt und sauber wie die Stationen. Die Züge verkehren im durchschnittlichen 90-Sekunden-Takt (zu Stoßzeiten öfters, zu verkehrsarmen Zeiten gönnen sie sich dafür dann auch mal einen Abstand von 3 Minuten). Außerdem sind sie laut Wiki auch die schnellsten U-Bahn-Züge der Welt.

Was in krassem Widerspruch zu dieser technischen Meisterleistung steht,  ist der oberirdische Zugang: der Weg ins Innere dieser Paläste (und auch wieder heraus) führt über kleine, schwergängige, oftmals auch klemmende Holzverschläge. Überhaupt hat sich mir während der paar Tage der Eindruck aufgedrängt, daß die Russen, zumindest aber die Moskowiter, keine Türen können. Auch der Zugang zum Bolschoj-Theater mit seinem prächtigen inneren führte durch eine Pforte, die man bei uns so eher vor einem Bahnhofsklo erwarten würde.

Paläste des Volkes

Paläste Des Volkes

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Prada statt Prawda

Das „freundliche Stadt“ im letzten Beitrag hat sich nicht auf’s Wetter bezogen. Regen, Schnee und Schneeregen, kombiniert mit 18 Knoten Wind, bringt unsere Matrjoschka-Kleidung an ihre Grenzen. Aber wir wollen über die -1 Grad (gefühlt laut Wetter-App -8) nicht jammern, die 1941er Reisegruppe musste mit -35°C (ohne Windchill-Faktor) klarkommen, und das wahrscheinlich ohne Wetter-App und Funktions-Kleidung.

Und genauso wahrscheinlich konnten sie sich auch nicht in eine der goldglänzenden Luxus-Malls flüchten, wenn der vom Wind ins Gesicht gepeitschte Schneeregen allzu beissend wurde.

Zugegebenermaßen: im Alltag ist der Krieg hier so wenig präsent wie bei uns. Aber, so hat es unsere Guidin, die übrigens nicht Nathalie, sondern Tatjana hieß, erklärt, die Erinnerung an den Sieg über Hitler-Deutschland speist generationen-übergreifend das „Wir-sind-wer“-Gefühl. 

Präsentiert wird dieses Gefühl auch durch den, zumindest in den Souvenirläden, allgegenwärtigen starken Mann des Landes, Wladimir Putin. Er grüßt in Bomberjacke mit lässig verspiegelter Sonnenbrille von Frühstücksbrettchen, reitet oben ohne, wahlweise auch mit Maschinengewehr bekleidet, auf Plastik-Bären oder tritt als Judoka auf einem T-Shirt Obama den Kopf weg. Es will sich uns nicht wirklich erschließen, ob diese Devotionalien augenzwinkernd-ironisch gemeint oder Ausdruck der aufrichtigen Verehrung des „lupenreinen Demokraten“ sind. Ich kann (und will) mir allerdings beim besten Willen kein entsprechendes Szenario mit Angela Merkel vorstellen.

Wladimir Wladimirowitsch (oben)

Nicht, daß es hier in Downtown Moskau nicht genügend Souvenirläden gäbe. Trotzdem führte uns unser Weg vorgestern an die Peripherie der Stadt, wo der größte Souvenirmarkt des Landes in einer Disnyland-Ausgabe des Kremls auf uns wartete. Ok, gewartet hat eigentlich nichts, die meisten Stände blieben, ob des bescheidenen Wetters, geschlossen. 

Disneyland(tm) Kreml

Der Weg von der Metro zur Kitschburg führte uns vorbei an von Alpha bis Gamma durchnummerierten, riesigen Hotelkomplexen, die, wenn man dafür empfänglich ist, durchaus noch etwas sozialistischen Charme (bzw. das, was wir dafür halten) versprühen. Birgit erwies sich als unempfänglich, dafür war ihr nass und kalt, so daß unsere kleine Zeitreise ziemlich schnell beendet war. 

real existierende Architektur. Außen- …

… und Innen-Ansicht

Ansonsten zeigt die Stadt, daß nicht nur Geschichte, sondern auch Architektur von den Siegern geschrieben wird. Ähnlich wie „Erichs Lampenladen“ in Berlin wird hier in einem seit Anfang der 2000er anhaltenden Bauboom (fast) alles, was an die weniger ruhmvolle nähere Vergangenheit erinnert, weggebombt und durch Bauten im klassischen russischen Stil (also mit goldenem Zwiebeltürmen) ersetzt. Übrig geblieben sind scheinbar nur noch die „7 Schwestern“, Prachtbauten im schönsten Stalin-Barock, und die eine oder andere Hammer-Sichel-Ährenkranz Dekoration.

feinster Stalin-Zuckerbäcker-Stil: eine der sieben Schwestern

war Kirche, sollte der 800 Meter hohe Palast der Sowjets werden, dann kam der Krieg … das  gegossene Fundament war dann jahrzehntelang Freibad, bis es in den 2000ern wieder zur goldbekuppelten Kirche wurde

From Russia with Love

„17-jähriger landet mit Cessna auf Rotem Platz!“ An diese Schlagzeile kann ich mich noch gut erinnern. 

Der Rote Platz im Herzen des Reich des Bösen. Mit dem Kreml (das ist doch jener schöne Bau mit den vielen bunten Zwiebeldächern, oder?) und den alljährlichen Siegesparaden, bei denen alte Männer vorbeiziehenden Soldaten im Stechschritt, Panzern und Atomraketen zuwinken.

Das waren so meine ersten bewussten Eindrücke von Moskau. Und natürlich der Bond-Film mit den Liebesgrüßen. 

Später kam dann noch die laue Augustnacht hinzu, in der man den Wind der Veränderung deutlich spüren konnte, während man am Ufer der Moskwa in Richtung Gorki Park schlenderte. 

Und Gilbert Becauds Nathalie und Elton Johns Nikita. Letzteres war übrigens im Jahr 1986 meine erste selbstgekaufte Single. Und, ach ja, die von Ralf Siegel zusammengecastete Retortenband, die im Namen der Stadt zu Vandalismus aufforderte.

So, ich glaube, jetzt habe ich nach bestem Wissen und Gewissen alles zusammengetragen, was ich an Eindrücken und Wissen über die russische Hauptstadt zu haben glaubte, als ich vorgestern in den Flieger (leider keine Cessna) nach Domodedowo gestiegen bin.

Die Realität im Moskau des Jahres 2017 sieht definitiv anders aus: realistischer, aber auch langweiliger. Irgendwie tue ich mir schwer damit, mir 007, die blonde Führerin Nathalie oder Dschingis Khan in Mitten der omnipräsenten Dependancen der westlichen Konsum-Kultur vorzustellen. Einer von Birgits ersten Eindrücken beschreibt die Sache ganz gut: „wenn ich nicht wüsste, wo wir sind, könnte das auch Traunstein sein“. 

Das stimmt natürlich nur bedingt: weder gibt es in Traunstein einen Kreml (der übrigens nicht der schöne Bau mit den vielen bunten Zwiebeldächern ist), noch ist das beschauliche oberbayerische Oberzentrum eine einzige, dauer-presslufthämmernde Baustelle. Was aber ganz gut passt: Moskau stellt sich uns als durch und durch europäische, piek-saubere, freundliche und bisweilen preußisch-streng organisierte Stadt dar.