Effene Hese

Die größte Herausforderung beim Erlernen der japanischen Sprache stellen die Höflichkeitsformen dar: je nach dem, ob das Gegenüber oben oder unten, innen oder außen ist, ändern sich nicht nur die Pronomen und Konjugationen, sondern auch die Stämme der Verben und die Substantive. Ob es solche Eigenartigkeiten im Chinesischen auch gibt, weiß ich nicht. Ich kann es mir aber kaum vorstellen. Schon in Korea war es nicht ganz so weit mit der sprichwörtlichen asiatischen Zurückhaltung her. Der typische Chinese (zumindest der, der uns in freier Wildbahn begegnete) hingegen hat, ich kann es nicht anders ausdrücken, ein Benehmen wie eine offene Hose. Da wird ohne jede Rücksicht gerotzt, gepisst, gedrängelt, gestoßen und geschrien (und Bauch gezeigt).

Ganz anders hingegen unsere amerikanischen Freunde, die mit uns an der Futter-Tour durch Xian teilnahmen. Da ist kein Thema zu trivial um nicht stundenlang darüber small zu talken: ist die Feuerwache wirklich der ideale Treffpunkt? – schließlich ist sie ja nicht ganz so leicht zu finden (und deshalb waren sie auch eine halbe Stunde zu früh da). Sind diese Teigtaschen mit Lauch, Frühlingszwiebeln oder Schnittlauch gefüllt? – Dieses Thema hat sie wirklich sehr nachhaltig bewegt. Ist Koriander minzig oder ätherisch? Auf dem Tiermarkt: „ooooh, a sparrow (dt: Spatz) … awful! amazing, incredible! (click, click, click)“. Zum Abschied: „we really need to exchange E-Mail adresses!“ – warum!?! Wir waren uns im Nachgang really unshure if we bewundern diese naive Offenheit oder ob wir, gemäß dem Motto „mia san mia“ auf unsere German Verstocktheit proud sein sollen.

Noch ein Nachtrag: der Internet-Zugriff hier ist wirklich grottig. Das Problem ist nicht die Zensur, die haben wir mittels VPN erfolgreich ausgehebelt. Das Problem ist auch nicht die Verfügbarkeit, bisher hatten wir in jeder Unterkunft WLAN. Das Problem liegt in der Stabilität und der Bandbreite. Meistens kommen wir, bei vollem „Ausschlag“, nicht „raus“, und wenn wir ab und zu mal rauskommen, dann mit rasenden 2 bis 5 kByte/Sekunde. Das galt in der Hauptstadt Peking, dem „Provinzstädtchen“ Xian (schlappe 8 Millionen Einwohner) genauso wie in der High-Tech Metropole Shanghai, in der wir uns aktuell befinden. Daher gibt es diesmal auch nur Beiträge ohne Bilder, schließlich haben wir insgesamt ja nur 11 Tage Zeit!

Allerdings mussten wir heute feststellen, dass es mindestens genauso unangenehm ist, bezüglich der Wasser-Versorgung „offline“ zu sein, vor allem in Kombination mit Sezchuan-Essen (wir erinnern uns: das brennt zweimal). Doch dazu später mehr.

Baajang Bakana

Wie immer begann der Urlaub im Gaffel am Bahnhof. Im Gegensatz zu den letzten Malen ging’s diesmal aber nicht nach Frankfurt, sondern nach Düdo. Von dort aus sind wir dann nach Frankfurt weniger geflogen als vielmehr „gehüpft“. Dieser kleine Umweg ersparte uns mehrere Hundert Euros, verstehen muss man das nicht. Immerhin konnte ich so erstmals die Hangelarer Platzrunde aus der Perspektive eines Airliners sehen.

Das zweite Leg legten wir mit mit einer ziemlich schimmlig muffenden 747 zurück, die wahrscheinlich noch ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben dürfte als der Autor. Hier die üblichen Pflichtangaben: das Essen war akzeptabel bis gut, erfreulicherweise gab es nicht die übliche, magen-hebende Rührei- und Kartoffel-Pampe, sondern eine Art Kaiserschmarrn mit Vanille-Sauce-Imitat. Und die Stewardessen waren leidlich ansehnlich, hatten aber einen heftigen Kasernenhof-Ton am Leib wenn es darum ging, uns in gebrochenem Chino-Englisch klarzumachen, dass iPhones auch im Flug-Modus während des gesamten Flugs verboten sind (CLOSE! CLOSE! CLOSE!). Dadurch, und durch die Tatsache, dass wir, mangels Mandarin-Kenntnissen, das Unterhaltungsprogramm nur sehr eingeschränkt genießen konnten, erschien uns der Flug subjektiv deutlich länger als die objektiven 9 Stunden.

In Peking angekommen lief alles wie am Schnürchen: Einreise, Zoll, Geld ziehen (juhu: das erste Mal, dass unsere Kreditkarte bei der Ankunft in SOA nicht präventiv gesperrt wird), Bus, Airport-Express, U-Bahn, Laufen, Hostel einchecken, Bier, Kutteln! Das Übliche halt. Erstmal die Füße hochlegen … das war aus zweierlei Gründen nicht angesagt: erstens waren wir todmüde und es war schon nach 15 Uhr, also Jetlag-Alarmstufe Rot. Zweitens ist unser Ziel, einen nicht gerade kleinen Teil eines der größten Länder der Erde in 11 Tagen zu bereisen, da kann man sich keine Auszeit gönnen, schon garnicht direkt am Anfang!

Drittens steckte mir Heidi noch in den Knochen: einen gewissen Restzweifel, ob das mit den Tickets auf Birgits Namen wirklich funktionieren würde, konnte ich einfach nicht abschütteln. Und: wie erwartet führte die „Names-Wurst“ GRAMLICHSCHMIEDELGEBGRAMLICHBIRGITHEIDEROSE zu einiger Verwirrung, aber wider Erwarten hielten wir, ca. 15 Minuten nachdem wir uns am englischsprachigen Fahrkartenschalter eingereiht hatten, unsere Tickets in Händen. China, wir kommen!

Abends verschlug es uns in eine Szechuan-Garküche ohne englische Speisekarte. Dank Birgits Polyglottität und dem LP Reiseführer war es trotzdem kein Problem, annähernd das Gewünschte zu ordern. Was ich gelernt habe: der Trick der Szechuan-Küche ist, den Gaumen zunächst mittels des gleichnamigen Pfeffers so zu betäuben, dass er die höllisch scharfen Chillies gar nicht mehr wahrnimmt. Leider funktioniert dieser Trick nur am oberen Ende des Verdauungstrakts. Und weil wir’s gerade davon haben: wie sehr habe ich die Klopapier-Eimer doch vermisst!

Gerne hätte ich an dieser Stelle von einem weiteren Superlativ unserer Reise-Historie erzählt, aber leider hat die Chinesische Bahn wohl seit kurzem aus Gründen der Wirtschaftlichkeit das Tempo der Schnellzüge von atemberaubenden 420 auf ICE-kompatible 300 km/h reduziert, so dass ich statt von unserer Fahrt von Peking nach Xian genausogut von der Reise von Limburg nach Montabaur berichten könnte. Nicht nur die Züge selbst und die Geschwindigkeit sind vergleichbar, auch die Landschaft sieht ein wenig aus wie der Westerwald und die Autobahnen haben etwas von der A3 (allerdings nur vom Ausbaugrad, es herrscht viel weniger Verkehr). Ok, einen kleinen Unterschied gibt es: während der mehrphasigen Einstiegs-Prozedur (Bahnhofs-Vorplatz, Halle, Wartesaal, Gleis, Zug) werden Ticket, Ausweis und Gepäck mehrfach kontrolliert und durchleuchtet.

Nachtrag: Birgit meinte, ich könne den Titel dieses Beitrags nicht einfach so stehen lassen. Also hier noch eine kurze Erklärung: sobald das Thermometer die 25° überschreitet, meint der durchschnittliche männliche Chinese, der bezüglich Alter und Gewicht in etwa mit dem Autor übereinstimmt, bezüglich Größe aber etwa einen Kopf weniger misst, er müsse seinem Vestibulum durch Hochklappen des Shirts bis kurz unter die Brustwarzen frische Luft zuführen. Dieser sehr ästhetische Anblick (wenn man darauf steht), wird gemeinhin mit dem Begriff „Beijing Bikini“ bezeichnet. Leider hatten wir noch nicht die Chruzpe, ein Exemplar live und in Farbe abzulichten. Wer sich ein eigenes Bild von diesem Sachverhalt machen möchte, wird sicher bei der Google Bilder-Suche fündig.

Nachtrag 2 von Birgit für Kim: das Wetter und die Sicht waren auch nicht besser als im Westerwald.

Heidi

In etwas mehr als 2 Wochen geht’s los. Höchste Eisenbahn also für den „Kick-Off“ Beitrag.

Womit wir schon unmittelbar beim Thema wären: China ist ja bekanntermaßen ziemlich groß. Und da wir mit unseren 11 Tagen eher wenig Zeit haben, haben wir beschlossen, nur eine kleine Runde zu machen: Peking, Xian (das ist die Stadt mit der Terrakotta-Armee), Shanghai und zurück nach Peking. Wobei  „klein“hier eher relativ ist: eine überschlägige Abschätzung mit Google Maps zeigt ca. 3.700 km Reisestrecke an.

Dass China kein ganz so einfach zu bereisendes Land ist, haben wir (mal wieder) bei der Beantragung der Visa erfahren müssen. Neben den üblichen Informationen (Einkommen, Lebensverhältnisse, Verwandtschaft) wird von Individualtouristen gefordert, dass sie für ihre gesamte Reise bestätigte Hotel-Buchungen vorlegen können. Da unsere neue Lieblings-Beherbergungs-Vermittlungs-Plattform airbnb in China bestenfalls nicht anerkannt wird (und die vermittelten Unterkünfte wohl in den meisten Fällen illegal sind), entfällt diese Option schon einmal. Immerhin: auch auf booking.com (yeah!) finden sich genügend attraktive Unterkünfte. Und das Beste: diese Unterkünfte sind kurzfristig stornierbar, falls das mit den Visa nicht klappen sollte ;-)

Neben Zeit und Nerven kostet so ein China-Visum auch nicht unerheblich Geld: exakt 333,30 EUR durften wir überweisen, bevor wir unsere visierten Pässe zurückerhielten.Und das, obwohl (besser: weil) wir uns für die DIY-Variante des Antrags entschieden haben. Hätten wir eine Agentur damit beauftragt, wären ca. weitere 160 EUR fällig geworden. Auf der anderen Seite: dann hätten wir den Sonntag vor 3 Wochen wahrscheinlich irgendwie besser nutzen können.

Wie dem auch sei: die Unterkünfte sind gebucht, die Visa da, was will man mehr? Ach ja, da war noch was: China hat, zumindest in der Region, die wir bereisen, ein sehr gut ausgebautes Schnellbahn-Netz.Das scheint aber etwas anders abzulaufen, wie wir das aus Deutschland gewohnt sind. Rein in den Bahnhof, Ticket kaufen, rein in den Zug, schlimmstenfalls stehen … ist wohl nicht. Korrekterweise müssen die Tickets über eine Agentur reserviert werden. Irgendwann, relativ kurzfristig vor der Reise, werden die Tickets dann von der zuständigen staatlichen Stelle freigegeben. Und wenn man Glück hat (und die beauftragte Agentur schnell genug ist), bekommt man einen Voucher für ein Ticket zugewiesen. Mit diesem Gutschein und seinem Reisepass kann man dann am Schalter im Bahnhof seinen Fahrberechtigungsausweis abholen.

Wir haben Berichte gelesen, dass am Schalter natürlich niemand Englisch spricht und Bilder gesehen, auf denen sich die Warteschlange vor der Ticket-Ausgabe von Pol zu Pol erstreckt hat.  Gut, damit können wir leben, schließlich haben wir ja eine gewisse Routine. Was mir aber wirklich Kummer macht ist die Sache mit den Pässen. Oder richtiger: mit dem Pass, nämlich dem von Birgit. Egal was man hört oder liest, überall wird darauf hingewiesen, dass einem kein Ticket ausgehändigt wird, wenn der Name aus dem Antrag nicht exakt mit dem im Pass übereinstimmt. Leider ist die Sache mit dem Namen im Pass nicht so eindeutig wie man vielleicht vermuten würde: da gibt es zum einen die normalen Angaben oben und zum anderen die maschinenlesbare Zeile unten.

Ich heiße Oliver Schmiedel (wir konnten uns damals keinen zweiten Vornamen leisten ;-), und das steht sowohl im Pass oben als auch unten und genauso im Visum. Birgit hingegen heißt oben Birgit Heiderose Gramlich-Schmiedel, unten und im Visum aber Birgit Gramlich-Schmiedel. Nicht zum ersten Mal stehen wir vor der Frage, ob Heidi mit auf die Reise gehen soll. Gemäß demokratischer Prinzipien (unten + Visum ergeben eine 2/3 Mehrheit) haben wir  beschlossen, sie zu Hause zu lassen. Hoffentlich hat der chinesische Bahnbeamte ein ähnliches Demokratieverständnis …