Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Nein, China ist kein lupenrein demokratischer Staat. Das fiel uns spätestens beim Versuch, den vorhergehenden Blog-Beitrag zu veröffentlichen, auf. Hier wird das Volk vor konterrevolutionären Umtrieben geschützt. Auch unseren Facebook-Status konnten wir nicht aktualisieren, da das Regime keinen „Sinn in der Nutzung sozialer Netzwerke sieht“, sondern diese vielmehr als so gefährlich wie Atombomben erachtet. Und bevor wir den Platz des Himmlischen Friedens betreten durften, mussten wir uns einer ausgiebigen Leibes-Visitation unterziehen (zum Glück hatte ich an diesem Tag mein „Free Tibet“ T-Shirt nicht an).

Auf der anderen Seite: von den besungenen 9 Millionen Fahrrädern in Peking wurden mittlerweile bestimmt 1/4 in Luxus-Karossen aus Stuttgart (Untertürkheim und Zuffenhausen), Dingolfing oder Ingolstadt getauscht. 2 weitere Viertel haben ihren Antrieb auf Elektro-Mobilität  umgestellt und gleiten geräusch- und emissionslos durch die Stadt. <Pathos>Und die ganze Stadt strotzt geradezu vor (Kauf-) Kraft, Aufbruchwille und Jugend…</Pathos>

… so, mittlerweile sind wir in Japan, haben unseren Facebook-Status aktualisiert und lassen unseren ersten China-Aufenthalt Revue passieren: wie schon geschrieben, es war kein Kultur-Schock. An schrill angezogene Kids, völlig unlesbare Symbole und eine komisch singsangende Sprache sind wir durch 2 Mal Japan und den Kölschen Dialekt hinreichend gewöhnt. Auch die „touristischen Ärgernisse“ wie demonstrativ zur Schau gestellte Armut, aufdringliche Straßenhändler, aggressive Bettelei oder Kleinkriminalität scheinen hier nicht zu existieren. Ok, wir waren auch nur in der Mega-Metropole Peking, daraus kann man zugegebenermaßen keinen Schluss darüber ziehen, wie es im Rest des Landes aussieht. Zu Peking kann ich aber ziemlich sicher sagen: das braucht sich hinter New York, Rio, Tokyo oder Köln-Rheinauhafen nicht zu verstecken.

Untergebracht waren wir in der Pekineser Jugendherberge in einem traditionellen Hutong, einem historischen Stadtviertel mit niedrigen Bauten. Die Hutongs mit ihrer wenig effizienten Platzausnutzung sind den Stadtplanern wohl ein Dorn im Auge, wir haben keine(s/n) gefunden, in das/ den nicht irgend ein Bagger seine Zähne gehauen hätte. Aber schließlich erlebt China das, was bei uns seit 1950 stattgefunden hat, erst seit ca. 20 Jahren und auch bei uns findet sich aus der Zeit des boomenden Aufschwungs so manche Ecke, die kaum als städtebauliches Meisterstück durchgeht.

Die Jugendherberge glich in Preis und Ausstattung eher einem 3-Sterne-Hotel und das/ der Hutong mit seinen Boutiquen und Fress-Ständen war rund um die Uhr von Massen konsumfreudiger junger Asiaten (ob das Einheimische, inländische Touristen oder Japaner waren konnten wir nicht wirklich herausfinden) belagert. Ein überall präsentes In-Getränk ist Franziskaner Hefeweizen (billiger als in Weinheim am Marktplatz, ich bevorzuge trotzdem „local beer“), an den passenden Gläsern und der Einschenk-Kunst hapert es bisweilen noch. Ein weiterer kulinarischer Verkaufshit ist „Stinky Tofu“, der seinen Namen völlig zu Recht trägt. Je nach Zubereitung stinkt der nach Pisse, Katzenfutter oder einfach nur brechreizerregend übel. Die Pekinesen lieben ihn trotzdem. Genauso wie Spieße mit fetten Maden, noch zappelnden Skorpionen oder gepellten Schlangen. Obwohl ich, was das angeht, kein Kind von Traurigkeit bin, hat mich bei diesen Anblicken doch der Mut vor der eigenen Courage verlassen und ich bin brav bei konventionellen Fleisch- und Fischspießen geblieben.

Auf unserer touristischen Agenda stand neben dem Besuch der verbotenen Stadt, des Platz‘ des Himmlischen Friedens und diverser Tempel auch ein Abstecher zur zweitberühmtesten Mauer der Welt (oder der berühmtesten, die noch steht). Von den über 8.000 km dieses antiken anti-imperialistischen Schutzwalls konnten wir immerhin 6 ganze Kilometer bezwingen, auch wenn wir danach ziemlich platt und muskel-katrig waren.

Den kulinarischen Abschluss bildete eine traditionelle Peking-Ente im besten Enten-Restaurant der Stadt, die zwar nicht wirklich sättigte, dafür aber auch nur 5 Mal soviel kostete wie eine nackte Portion Nudel, bei der wir auf dem Nacht-Nasch-Markt gehörig abgekocht wurden.

Zensur!!!

Den vorhergehenden Artikel zu veröffentlichen war gar nicht so einfach: das wegen seiner kompromisslosen politisch-liberalen Radikalität bekannte und unter den Diktatoren dieser Welt gefürchtete Yodobashi-Blog steht hier natürlich auf der schwarzen Liste der Zensoren…

… Spaß beiseite, der Zugriff auf WordPress wird hier tatsächlich von der Zensur blockiert, so dass wir unsere Ergüsse nur unter Verwendung eines deutschen Zwischen-Servers veröffentlichen können. Das macht die Sache sehr träge, außerdem können wir keine Bilder veröffentlichen.

Es gibt 9 Millionen Fahrräder in Peking …

Und jetzt auch 2 Diaspora-Weinheimer/ Ex-Gorxheimer/ Wahl-Kölner! Damit wäre der Anfang gemacht, aber wie geht es weiter? Vielleicht erstmal mit dem Offensichtlichen: wir sind wohlbehalten in Peking gelandet. Danach mit dem Bildlichen: auf unserem Weg vom Flughafen in die Innenstadt habe ich tatsächlich einen Sack Reis umfallen sehen … und dann der Reihe nach.
Der Abschied von Köln fiel uns bei strömendem Regen und lausigen Temperaturen nicht allzu schwer. Was das angeht, war die Wahrscheinlichkeit, dass es besser wird, relativ hoch. Bei der Ankunft am Flughafen in Düdo bekamen wir erstmal einen kleinen Schreck: der Flug war ein Code-Sharing zwischen Lufthansa und Chinese Airlines.
Mmmh, hoffentlich nicht die Kranich-Airline durch die Hintertür … doch Fehlalarm: der Flug war tatsächlich „operated by Chinese Airline“… ein paar Stunden später hätte ich mir dann doch gewünscht, ich säße im LH-Flieger: das Essen war zwar sogar halbwegs genießbar, aber darauf wäre es mir diesmal garnicht angekommen, schließlich hatten wir vorsorglich Hartwurst-Stullen eingepackt. Aber immerhin wurde ich bei Lufthansa stets zufriedenstellend mit Bier, Wein und Longdrinks versorgt. Das war diesmal nicht drin. Ob das jetzt am Sortiment oder der Kommunikationsfähigkeit der beteiligten Parteien lag, kann ich zwar nicht endgültig beurteilen, ich tippe aber eher auf Letzteres: schließlich haben wir (gefühlt) bei der chinesischen Sicherheitsbelehrung mehr verstanden als bei der englischen.
Wie dem auch sei: trotz angekündigter Turbulenzen verlief der Flug sehr geschmeidig und dank ordentlich Rückenwind sind wir fast eine Stunde zu früh in Peking gelandet. Die Einreise verlief, zumindest für Birgit, ähnlich unspektakulär wie der Flug. Das hätte ich auch so erwartet, schließlich hat uns das Visum schon einiges an Zeit, Schweiß, Tränen und Euro gekostet. Bei mir gab es leider trotzdem eine klitzekleine Komplikation: der Immigration-Officer wollte den 10 Jahre jüngeren und ca. 35 Kilo schwereren Oliver auf meinem Passbild partout nicht mit mir in Übereinklang bringen. Erst eine erweiterte Unterschriftenprobe und ein ziemlich flehendes „it’s really me!“ konnten ihn überzeugen (oder erweichen?).
Doch das war erst die erste Hürde der nervenaufreibenden Einreise. Vor dem Kofferband stand eine blutrünstige Bestie abgerichtet auf allerei Wurstwarenprodukte. Wie können wir den Hund nun überlisten? Schnell haben wir einen Plan geschmiedet. Leider gab es im Duty-free Shop kein Frolic. Also musste schnell eine neue Strategie entwickelt werden. Mit den übrigen Salami Broten in der Tasche sind wir vor dem Köter getänzelt. Nach dem Motto links antäuschen und rechts den großen Rucksack mit ca. 1,6kg Fleischereierzeugnisse schnappen. Keine Reaktion des Hundes. Wir wähnen uns schon in Sicherheit. Nichtsdestotrotz prügeln wir uns mit den Chinesen um einen Platz an der Pole Position am Kofferband. Wir wollen ja unser Glück nicht herausfordern. Unbemerkt des Hundes konnten wir unsere Rucksäcke schnappen. Nach einer kurzen Prüfung auf irgendwelche Aufkleber am Rucksack, wir kennen ja alle Tricks aus „Achtung Kontrolle“, liefen wir so schnell wie unsere Beine tragen konnten zur nächsten Hürde. Unser Gepäck wurde noch einmal komplett durchleuchtet. Zum Glück haben wir diesmal, anders als bei unserer Reise nach Cuba, auf Leberwurst und Bratwurst aus der Dose verzichtet. Geschafft, mit einem großen Grinsen stolzieren wir durch den Ausgang des Flughafens.
Quartier haben wir im Peking Youth Hostel bezogen … verdammt, ich habe unseren Mitgliedsausweis vom Deutschen Jugendherbergswerk zu Hause vergessen, den Rabatt können wir wohl knicken.
Keine 10 Minuten später waren wir schon wieder auf Tour durch das Quartier … erstmal Eindrücke sammeln, Details folgen. Nur soviel vorab: nach 2x Japan und ¼ Jahr Südamerika sind wir wohl gegen das Phänomen Kulturschock einigermaßen immun* (*gilt wahrscheinlich nicht für Indien).

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub …

So, die Flüge und das Hotel für die erste Etappe sind gebucht: im Mai geht es nach Sapporo auf Hokkaido, der nördlichsten japanischen Hauptinsel. Mit etwas Glück bekommen wir dort noch die Spätausläufer der Kirschblüte mit.

Da es keinen Direktflug von D nach Sapporo gibt, mussten wir „notgedrungen“ einen 4-tägigen Zwischenstopp in Peking einplanen.

Ein Novum: zum ersten mal brauchen wir für ein Land ein Visum. Und das ist für China nicht so ganz trivial: die wollen zunächst mal ziemlich viel von einem Wissen, z.B. wo und warum man sich in der letzten Zeit in der Welt rumgetrieben hat. Wenn man dann die Formulare dann nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt hat, schickt man die zusammen mit den Reisepässen an eine kommerzielle Visa-Agentur, die damit dann bei der offiziellen Visa-Agentur vorstellig wird (die natürlich auch nicht unentgeltlich arbeitet), welche dann die Anträge an die Botschaft bzw. das Konsulat weiterleitet (wo wiederum ein kleiner Obolus fällig wird).

Wenn alles gut läuft bekommen wir dann irgendwann unsere Pässe mit den Visa zurück … seien wir mal gespannt!