A long way down

Bevor wir unseren Nachtbus besteigen durften, wurden wir und unser Handgepäck gründlich durchsucht. Ob es hier wohl regelmäßig Bus-Entführungen gibt? Oder Schießereien? Die kurz aufflackernden negativen Gedanken verdrängen wir ganz schnell wieder. Der Bus ist extrem eng bestuhlt, unsere Vor-Sitzer können ihren Sitz soweit zurücklehnen, dass er fast auf unserem Bauch liegt (und tun das auch). Unsere einzige Möglichkeit, nicht zerquetscht zu werden, besteht darin, unsere Lehnen ebenfalls ohne Rücksicht auf Verluste zu neigen. So läuft die Welle durch den Bus und noch vor der Abfahrt befinden sich alle in einer beengt-gebeugten Haltung, die, soviel ist klar, jeden erholsamen Schlaf erfolgreich verhindern wird.

Evtl. muss ich letztere Aussage etwas revidieren, denn kaum dass wir die Lichter der Stadt hinter uns gelassen haben, waren außer dem Motor rings um uns nur Schnarch-Geräusche zu vernehmen. Und auch bei uns wurden die Lücken im Hörbuch, trotz schmerzhaft eingeklemmter Beine, immer länger.

Mitten in der Nacht folgte dann etwas, was wir Schengen-verwöhnte Mitteleuropäer so ganz und gar nicht kennen: der Grenzübertritt. Und der gestaltete sich so: zunächst die Ausreise aus Ecuador, bei der wir so ziemlich unseren kompletten Lebenslauf in doppelter Ausführung zu Papier bringen mussten. Nach ein paar kritischen Nachfragen des Grenzers (z.B. nach Beruf, Aufenthaltsdauer und -Grund, obwohl das alles auch schon im Formular stand), ging’s mit dem Ausreise-Stempel dann auf die peruanische Seite, wo wir nahezu identische Formulare ausfüllen und die selben Fragen über uns ergehen lassen mussten. Mit dem Einreisestempel im Pass mussten wir uns dann nochmal in einer Baracke bei der Polizei registrieren. Diesmal mussten wir das Formular zwar nicht selbst ausfüllen, die abgefragten Informationen waren aber exakt die selben. Die gesamte Prozedur dauerte eine geschlagene Stunde.

Bei der Ankunft in Piura zeigte sich das Land dann von der versöhnlicheren Seite: das Terminal unserer Folge-Linie war schnell gefunden (im Gegensatz zu Ecuador gibt es in Peru keine zentralen Bus-Terminals) und ein paar Soles ohne Komplikationen am Automaten gezogen. In der verbleibenden Stunde vor der Weiterfahrt statteten wir dem Markt noch einen kurzen Besuch ab. Dort konnte ich der Verlockung einer Portion Ceviche mit Nudeln nicht widerstehen. Zur Erinnerung: Ceviche ist die hiesige Version von Sushi, also rohes Meeres-Getier mit Limettensaft. Das Gericht gilt sowohl als Aphrosidiakum als auch als Quelle für Cholera (mir ist nicht ganz klar, was das eine mit dem anderen zu tun hat). Wie dem auch sei: nach dem Verzehr konnte ich sowohl meine Triebe als auch meine Ausscheidungen problemlos unter Kontrolle halten (wobei ich bei letzterem noch etwas vom Imodium unterstützt wurde).

Das Durchsucht-Werden vorm Einsteigen in Ecuador kam mir ja schon etwas befremdlich vor, hier wurde das noch besser: wir mussten durch eine Sicherheits-Schleuse, wurden durchsucht und abgetastet, mussten unseren Pass zeigen und einen Fingerabdruck abgeben. Ich vermute, der wird im Falle eines Unfalls zur Identifikation gebraucht … schnell wieder vergessen!

Diesmal hatten wir dafür einen echten Luxus-Bus mit sehr großzügiger Bestuhlung und Bord-Verpflegung. Und die rundete den durch beim Bording gewonnenen Eindruck perfekt ab: Chicken or Beef?

Nach ingesamt 17 Stunden Fahrt, in der wir ca. 800 km hinter uns gebracht haben, sind wir schließlich hier in Trujillo, jener Stadt, mit der ich mich so ganz und gar nicht anfreunden kann, ohne größere Schäden an Leib und Leben angekommen.

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