Потёмкинская деревня

Gestern habe ich mir hier in Hanoi mein Weihnachtsgeschenk gekauft: eine mechanische Uhr Marke „Raketa“, geziert von Hammer und Sichel für umgerechnet etwa 30 Euro. Bei der Google-Recherche zu meinem vermeintlichen Schnäppchen bin ich zu folgenden Erkenntnissen gelangt:

  • Raketa ist eine traditionelle russische Uhrenmarke, die u.a. die Rote Armee und das sowjetische Raumfahrtprogramm (Nomen est Omen) ausgerüstet hat
  • die Uhrwerke dieser Marke zählen zu den robustesten und zuverlässigsten der Welt
  • mit etwas Glück hätte ich mein Modell bei ebay auch für ein paar Eu weniger ersteigern können (alternativ: einfach etwas feilschen), insgesamt habe ich aber wohl einen fairen Preis gezahlt
  • Hammer und Sichel als Symbol für Arbeiter und Bauern sind ein weltweites Symbol des Kommunismus‘ und weit über ihre Verwendung in der Flagge der ehemaligen Sowjetunion hinaus verbreitet 

Die letztere Erkenntnis erklärt einiges: sowohl auf unserer China-Reise als auch hier in Laos und Vietnam habe ich mich doch immer wieder gewundert, warum die öffentlichen Gebäude und Denkmale mit der Flagge des ehemaligen großen Bruderstaats geschmückt werden.

Mittlerweile sind wir also in Hanoi, unserer finalen Etappe, angekommen. Ich gehe aktuell davon aus, dass ich über unsere Zeit hier noch einen weiteren Beitrag verfassen werde. Demnach will ich erstmal die letzten Tage Revue passieren lassen.

Wie schon geschrieben führte uns unser nachtbuslicher Weg von Buon Ma  Thuod nach Mui Ne, einem der prominentesten Strandbäder des Landes. Falls der geneigte Leser den Namen dieses Orts noch nie gehört hat, könnte das daran liegen, daß diese Destination weniger bei westlichen Touristen beliebt ist, als vielmehr bei Urlaubern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Auch/ gerade für uns ziemlich erfahrene Weltenbummler ist es ziemlich ungewöhnlich und verwirrend, westlich aussehenden Travellern zu begegnen, die statt des üblichen „Hostel-English“ nur russisch reden. Von der durchgehenden kyrillischen Beschriftung und Speisekarten ganz zu schweigen. Nichtsdestowenigertotz hatten wir ein Paar (will sagen: 2) geruhsame Tage mit Meer (wenn man mal drin war hat einem auch der Regen nichts mehr ausgemacht), Früchtekorb auf dem Zimmer, getragener russischer Musik und Original Döner Kebab.

Weiter ging’s mit dem Tag-Schlafbus nach Sai Gon bzw. Ho Chi Minh Stadt. Die Busfahrt war zwar gewohnt unbequem (wir erinnern uns: max. 50kg, 1,50 Meter, Schuhgröße 20) , aber ansonsten so unspektakulär, dass Birgit erst garnicht mit einem Protokoll anfing.

In HCMS hatten wir uns in einem todschicken Airbnb Apartment eingemietet. Die Unterkunft bot eine erstklassige Aussicht und war wirklich modern und stilsicher eingerichtet, nur eines war sie definitiv nicht: zum Bewohnen geeignet. Von der Couch aus hatten wir die bodentiefen Fenster mit der Skyline der Stadt im Rücken, dafür konnten wir die freistehende Kochinsel und den herrschaftlich gedeckten Esstisch bewundern. Der Tisch war deshalb eingedeckt, weil die (mangelnde) Tiefe der Einbauschränke für die Teller zu gering war und die Kochinsel nahm zwar viel Raum ein, bot aber weder Arbeits- noch Ablagefläche. Ok, Kochen wollten wir hier ohnehin nicht. Und nach einigen, nicht unerheblichen, Umstrukturierungsmaßnahmen fühlten wir uns dann tatsächlich ganz wohl. 

Apropos Airbnb: seit einiger Zeit nutzen wir diese Plattform tatsächlich relativ intensiv. Und komischerweise waren unsere Vermieter immer auffällig junge und attraktive Frauen. In HCMS hatten wir allerdings nicht nur eine (junge und attraktive) Vermieterin, sondern derer mindesten 4: gemietet haben wir bei einer Lucy. Die war allerdings bei der Übergabe verhindert und beauftragte ihre Mitvermieterin Annie mit den Formalitäten. Da wir, völlig wider Erwarten, zu früh angekommen sind, konnte Annie den Termin nicht wahrnehmen. War allerdings kein Problem, sie beauftragte ihre Freundin-Mitarbeiterin, deren Name wir nicht verstanden haben, mit der Schlüssel- und Pass-Übergabe. Im Apartment selbst fanden wir dann ein Pamphlet, in dem uns unsere Vermieterin Christine herzlich willkommen hieß!?! Allenfalls ein Schelm würde doch da auf die Idee kommen, daß es sich dabei nur um Strohmädels handeln könnte, oder?

 

Birgit Bus Protokoll Buon Ma Thuod -> Mui Ne

Tag zuvor

Bustickets zu bekommen ist wohl nicht so einfach. In Vietnam gibt es zwar mehr oder weniger zentrale Busbahnhöfe, diese werden aber nicht von allen Unternehmen genutzt. Also mal kurz zum Busbahnhof und Ticket kaufen iss nich. Beim 1. von LP empfohlenen Reisebüro bekommen wir nach mehreren Telefonaten gesagt, wo der Bus losfahren könnte und man womöglich Tickets kaufen könnte. Der nächste Anbieter, schickt uns, nachdem er gemerkt hat, dass er keine Tour verkaufen kann, gleich weg. Da bleibt nur noch die Rezeption unseres Businesshotels.  Diese waren aufgrund der Sprachkenntnisse und unseres wohl nicht geläufigen Ziels etwas überfordert. Bemüht waren sie stets und so wurde uns versichert, dass der Bus morgen gegen 19 Uhr oder später losfahren und das ganze 210 kVND kosten würde. Mal sehen. 

Heute, beim auschecken. 

Hier gab es noch einmal Irritationen. Allerdings haben wir hiervon nichts verstanden. 

Heute, 18:20

An der Rezeption wurde nach diversen Telefonaten uns einen Zettel für den Taxler mit der Adresse und der Telefonnummer des Busfahrers aufgeschrieben. Sehr gut, die werde ich gleich mal auf dem IPhone speichern, falls ich mal telefonieren möchte. Die Haltestelle war in etwa an der Stelle, die uns der Reisefachkaufmann des 1. Reisbüros genannt hat. 

18:55 So, nun sitzen wir hier auf einem Hocker (Modell rot und 20cm hoch) und warten. Pardon, ich und eine weitere Dame sitzen. Oliver hat Bedenken, dass er nicht mehr hoch kommt und bleibt stehen. 

19:00 Zack, die Bohne. Unsere Taschen werden neben Kaffee und diversen Tüten im Keller des Busses mit großen Diskussionen verstaut.

19:00 Wir dürfen in den Bus. Aber erst die Schuhe ausziehen. Es ist eine Liegebus. 3 Reihen, 2 Betten übereinander mit 40 Grad Winkel. 1. Problem: Ich komme schon quer nicht durch den Flur. – gelöst, dem Spatz sei dank 2. Problem: Um Platz zu sparen sind die Füße des Hintermanns unter dem Rücken/Kopf des Vordermanns. Klappt auch super, wenn man Schuhgröße 20 hat. Ab Schuhgröße 40 nur mit gestreckten Füßen. 3. Problem: Die Liegen sind verdammt schmal. Bei mir reicht es gerade so, bei Oliver will ich mir das nicht vorstellen. Also, vor zum rauchenden Busfahrer. Ihm schön ausführlich unsere Probleme erklärt, keine Reaktion. Da ich kürzlich gelernt habe, dass man mit Penetration viele Probleme löst, einfach stehen bleiben und reden und warten. Probleme gelöst. Liegen jetzt auf der hinteren Liegewiese oben. Unten wurde uns untersagt. Da wir jetzt wirklich an der schlechtesten Stelle des Busses liegen, hoffen ich nur, dass es nicht zu kurvenreich wird. 

19:25 Noch schnell ein Räucherstäbchen am Busaltar entzündet und dann kann es losgehen, oder? Der Bus ist noch verdammt leer.  Ich befürchte, dass dieser noch an jedem Kaffeestrauch halten wird, um Leute einzuladen. 

19:35 Der Mann neben mir hat wohl versäumt wohlriechende Socken anzuziehen. Vor dem wollte ich nicht liegen. 

19:50 Wir stehen noch und immer mehr Leute steigen ein. 

19:55 Wir fahren los und es schaukelt jetzt schon ordentlich. 

20:01 Zustieg

… diverse Zustiege

22:11 Mein Knie ist nass. Es regnet bzw. tropft rein. Breiten die Regenjacke aus und hoffen auf besseres Wetter. 

23:55 Hoppeln durch eine kilometerlange Baustelle 

03:51 Kaum zu glauben, bin wohl wirklich eingeschlafen. Das Licht geht an. Es steigen Leute aus und wir stellen mit erschrecken fest, dass es nur noch 40km bis zum Zielort sind ???? und es regnet. Hoffentlich legt der Bus noch ein paar Stopps ein. 

04:15 Definitiv zu wenige Stopps. Es läuft gerade Stille Nacht, heilige Nacht im Diskobus  ???? .. schlaf in ehlendiger Ruh .. ????

04:29 Mautstelle. Leider ohne längeren Aufenthalt. 

05:21 F*CK. Sind angekommen und müssen aussteigen. 

05:41 Sitzen auf einer Bank am Busbahnhof und werden von 4 Motorrad Taxis belagert. Sie wollen wohl nicht verstehen, dass wir kein Interesse haben. 

05:48 Der nächste Bus kommt und die Motorradtaxis verlassen uns. 

Lost Places

Heute beim Frühstück (Spag Bolo mit verlorenen Eiern) klingelte, völlig unerwartet, mein Telefon. Artur war dran, und neben verschiedenen geschäftlichen „Suboptimalitäten“ erinnerte er mich daran, daß unser Yodo-Blog mittlerweile eher ein „Lost Place“ als ein Quell interessanter Informationen sei. Und was soll ich sagen: Recht hat er! Nun denn, „Arsch huh“, wie wir Kölner zu sagen pflegen.

Anfangen will ich mit einer Art Resümee über Laos: dieses Land hat sich uns als das „andere Südostasien“ präsentiert. Klar geworden ist uns das spätestens, als wir nach einer weiteren strapaziösen Nachtbusfahrt von Buon Ma Thuot nach Mui Ne ausgestiegen sind (Birgits Protokoll folgt). Sofort waren wir von einer Traube ziemlich aufdringlicher Taxifahrer umzingelt, die ihre Dienste in Wort und Tat intensiv anpriesen. Nicht das die Laoten weniger geschäftstüchtig oder gar faul gewesen wären. Auch dort fragten die Taxi- bzw. Tucktuck-Fahrer „Taxi?“ bzw. „Tucktuck?“. Im Unterschied zu hier genügte aber ein knappes „No, thanks“ oder einfach ein Kopfschütteln, um klarzumachen, daß kein Interesse besteht. Hier hingegen gehört es zum guten Ton, die Ernsthaftigkeit der Offerte durch ständiges Nachhaken („Taxi, Sir?“, „Tucktuck, my friend?“, „Taxi, my friend?“), zuppeln an Ärmeln und grabschen nach dem Gepäck zu unterstreichen. Außerdem frage ich mich wirklich, warum der elfte Fahrer glaubt, daß wir, nachdem wir seine 10 Kollegen abgewimmelt haben, ausgerechnet Bedarf für seine Dienste haben?

Natürlich hat unser analytischer Verstand Verständnis dafür, daß die armen Kerle auch nur ihren Job machen und wahrscheinlich von den paar mickrigen Dong, die sie verdienen, nicht nur ihre Familie ernähren, sondern auch das Taxi bzw. Tucktuck abbezahlen müssen. Die weniger rationalen Schichten des sublimalen Kortex‘ allerdings sind schlichtweg genervt und überlegen, ob Zuschlagen oder laut Schreien die bessere Option ist. Im Endeffekt belassen wir es dann aber doch bei einem durch die Zähne gequetschten, halb verschluckten „Fuck Off“.

Wie gesagt, in Laos ist das Reisen entspannter als hier in Vietnam oder auch Thailand, und die Leute sind nicht so abgebrüht. Die Kehrseite der Medaille ist, das Laos, zumindest wenn man nicht knietief in die Ethnologie der Minderheitenvölker im Hochland eintauchen möchte, dem gemeinen Durchschnitts-Traveller relativ wenig zu bieten hat. Laut LP-Reiseführer ist z.B. die zweitgrößte Attraktion der Hauptstadt, nach der Prothesenfabrik, Beerlao im Schatten zu trinken. Dem haben wir nichts hinzuzufügen.