Roundup

Irgendwie hat das mit dem Schreiben diesmal einfach nicht funktionieren wollen. Jeden Morgen bin ich mit der Gewissheit aufgestanden, heute Abend endlich die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Und abends lautete die Devise dann immer „morgen ist auch noch ein Tag“. Heute ist nun das ultimative morgen, da spätestens morgen unser Urlaub definitiv zu Ende ist. Außerdem leide ich noch etwas unter Jetlag, so dass mir zumindest das Aufstehen nicht allzu schwer fiel.

Einigermaßen schwer fällt mir aber momentan das Schreiben. Ich habe mir aber fest vorgenommen, heute hier zumindest zu schreiben, warum ich nichts geschrieben habe. Das Finden eines halbwegs würdigen Abschluss‘ ist sozusagen eine „lebenserhaltende Maßnahme“ für unseren Yodo-Blog.

Warum habe ich also meine selbst auferlegte Chronistenpflicht derart vernachlässigt? Ich habe dafür 2 Erklärungsansätze, die irgendwie zusammenhängen:

Erster Ansatz: das war jetzt der dritte Japan-Urlaub innerhalb der letzten 3 1/2 Jahre. Vom Gefühl des „Kulturschocks“ des ersten Aufenthalts ist nicht mehr viel geblieben, vielmehr hat es sich in eine gelassene Routine und Vertrautheit verwandelt. Damit entfällt natürlich auch irgendwie die Motivation, sich über die mittlerweile gar nicht mehr so kuriosen Kuriositäten auszulassen. Hier ein kleines Beispiel: dem in Ueno angebotenen „Pig Rectum Yakitori“ habe ich 2011 einen ausführlichen Artikel gewidmet. 2013 gibt es sowohl das Restaurant als auch den Spieß noch, und er besteht immer noch aus Schweinearschloch.

Oder der legendäre Tokyoter Fischmarkt: dort werden immer noch unglaubliche Mengen Meeresgetier aller Art umgesetzt, aber zu unserer Enttäuschung haben wir, trotz Fukushima, keinen dreiäugigen Fisch entdeckt. Die einzige Veränderung, die wir ausmachen konnten, war eine wesentlich verschärfte Reglementierung der Touristenströme: 2009 konnten wir uns noch absolut frei in allen Bereichen des Marktes (einschließlich der berühmten Thunfisch-Versteigerung) bewegen. 2011 war der Zugang zur Versteigerung eingeschränkt. 2013 muss man sich für die wenigen Zuschauerplätze bei der Versteigerung im Voraus anmelden, und auch der Zutritt zur Markthalle ist erst ab 9 Uhr gestattet, also dann, wenn der Markt eigentlich schon „verloffe“ ist.

A propos Veränderungen: ich glaube, es gab während unserer Südamerika-Reise nicht einen einzigen Tag, an dem ich nicht über unseren hoffnungslos veralteten Reiseführer (aus 2011) geflucht hätte. Der Japan LP von 2009 hingegen war noch so aktuell wie am ersten Tag. Sogar die meisten Angaben über Eintrittspreise und Abfahrtszeiten stimmten erstaunlicherweise noch.

Zweiter Ansatz: vielleicht habe ich im ersten Ansatz den Eindruck vermittelt, unser Urlaub könnte irgendwie langweilig gewesen sein. Dem war aber überhaupt nicht so. Eher im Gegenteil: wir waren fast jeden Tag von früh bis spät auf Achse und haben viele interessante Orte und Dinge gesehen (und photographiert). Nur war es diesmal eben eine andere Qualität. Ich versuche mich mal an einem Vergleich: wenn ein Asiate nach Deutschland kommt, ist er  beim ersten Mal sicher tief beeindruckt von den gewaltigen Kirchen mit ihren farbenfrohen Fenstern und wahrscheinlich auch etwas befremdet von dem Gedanken, eine gefolterte Leiche anzubeten. Beim zweiten Besuch entdeckt er dann vielleicht den Unterschied zwischen protestantischen und katholischen Kirchen, und beim dritten Mal bemerkt er  den Unterschied zwischen Hoch- und Spät-Barock. (Ok, so ganz stimmig ist der Vergleich nicht: wir können einen Tempel aus der Heian-Zeit immer noch nicht von einem Schrein aus der Edo-Ära unterscheiden). Wie dem auch sei, auf jeden Fall lagen wir mehr als einmal um 8 Uhr abends ziemlich erschlagen im Bett.

Soweit meine Ausreden. Erfreulicherweise hat Birgit in ihrem Tagebuch die wichtigsten Beobachtungen und Ereignisse stichpunktartig festgehalten. Diese Aufzeichnungen sind die Quelle für die folgenden Einträge zu den einzelnen Etappen.

Dansu, Dansu, Dansu

Japan ist ein Eisenbahnland. Der Ausdruck „pünktlich wie die Eisenbahn“ hat hier noch seine ursprüngliche, nicht-ironische Bedeutung. Über die legendäre Pünktlichkeit des Shinkansen (durchschnittliche Verspätung laut Wikipiedia irgendwas um 30 Sekunden) habe ich mich ja schon letztes Mal etwas ausführlicher ausgelassen. Aber auch jenseits des Schnellzug-Netzes gibt es bis in die tiefe Provinz hinein eine Schienen-Anbindung mit pünktlichen, sauberen Zügen und ordentlichen Taktzeiten. Gerade deshalb wundert es mich doch ein wenig, dass es wohl kein japanisches Wort für Eisenbahn gibt: die nationale Eisenbahngesellschaft nennt sich Japanese Rail, oder kurz JR. Und schreibt sich auch genau so, also mit lateinischen Buchstaben.

Wir sitzen gerade im SUPER HUKUTO limited Express und dürfen die Vorzüge des japanischen Eisenbahnsystems heute noch ca. 10 Stunden und 1200 Kilometer genießen. Bevor ich das Thema Bahn für dieses Mal beende noch folgende kurze Aufstellung: auch dieses Mal haben wir wieder den Japan Rail Pass, ein spezielles Touri-Ticket, das es uns erlaubt, bis auf ganz wenige Super-Schnellzug-Ausnahmen, 2 Wochen lang alle Züge des Landes zu nutzen. Gekostet hat dieses Ticket, das nur außerhalb Japans erworben werden kann, 45.100 Yen, umgerechnet also etwa 355 Euro. Allein die heutige Zugfahrt, die erste von vielen, würde uns 110 Eu für die Tickets und 74 für die Platz-Reservierung kosten.
Ziel des Tages ist Tokyo. Eigentlich hatten wir geplant, nach Sapporo noch eine weitere Etappe auf der Nord-Insel Hokkaido (wir haben gelernt: Hokkaido wie der Name Kai, keineswegs Hokka-i-do) geplant. Dabei kam uns allerdings die „Goldene Woche“ in die Quere: ähnlich wie bei uns fallen auch hier Ende April/ Anfang Mai einige Feiertage so, dass man mit wenigen Brückentagen eine ganze Woche Urlaub zusammenbekommt. Und die verbringt man dann üblicherweise nicht in den eigenen 4 Wänden. Das führt wiederum dazu, dass in den beliebten Touristen-Destinationen dann entweder garnichts mehr frei ist, oder aber Preise um die 300 $ für ein gewöhnliches Zimmer aufgerufen werden. Außerdem bezieht sich das „Golden“ dieser Woche wahrscheinlich nicht auf das Wetter. Wenn ich jetzt aus dem Zug-Fenster gucke, sehe ich zwar hier und da ein paar Fetzen blau am Himmel, zumindest für die letzten 2 Tage lässt sich das Wetter auf Hokkaido aber so zusammenfassen: nass, schwanzkalt und hat gezogen wie Hechtsupp‘.
Zu Sapporo: international bekannt durch die Winterspiele 1972, damals wohl noch ein Kaff, mittlerweile mit 1,9 Millionen Einwohner eine echte Metropole. Sapporo liegt auf dem selben Längengrad wie Wladiwostok (und auch nur ein paar Kilometer östlicher). Das mag auch die Sache mit dem Wetter erklären, bei Wladiwostok denkt wohl niemand an badewannenwarmes Meer oder an einen lauen Sommerabend. Außerdem erklärt das auch die Tatsache, dass die meisten Touristen hier Russen sind und man oftmals eher auf kyrillische Beschilderung als auf englische trifft.
Für mich persönlich stellt Sapporo sozusagen, neben Sushi natürlich, die Keimzelle meiner Japan-Begeisterung dar. Das hat nichts mit den Winterspielen zu tun, sondern mit dem Roman „Tanz mit dem Schafsmann“ (oder auf japanisch: „Dansu, Dansu, Dansu“) von Haruki Murakami. Dort hat sich in einer Art Zeitblase ein Zimmer des heruntergekommenen, mittlerweile abgerissenen Hotels Delfin im neu erbauten Nobel-Hotel Dolphin am Sapporoer Hauptbahnhof erhalten. Und in eben diesem Zimmer sitzt der schafsköpfige Geist eines Hokkaidischen Ureinwohners und erteilt dem Protagonisten den Rat, er solle „tanzen, tanzen, tanzen“ statt sein Leben mit Schneeschippen zu verbringen.
Dass sowohl das Hotel Delfin als auch das Dolphin fiktive Orte sind, hatte ich natürlich schon vorab herausgefunden. Trotzdem setzte sich in mir der Wunsch fest, unbedingt mal nach Sapporo zu reisen. Und das war, neben dem besagten Sushi und dem Lied „Big in Japan“ von Alphaville, auch der Grund, warum ich 2009 unsere ersten Tickets nach Tokyo buchte. Da aber die Fahrt von Tokyo nach Sapporo trotz der guten Eisenbahn-Infrastruktur doch einigermaßen beschwerlich ist (s.o.) und der Süden des Landes sowohl touristisch als auch wettermäßig (siehe ebenfalls oben) definitiv mehr zu bieten hat, fiel Hokkaido bei unseren beiden letzten Reisen hinten runter.
Um zu verhindern, dass uns das diesmal wieder passiert, haben wir beschlossen, unseren Trip in Sapporo zu beginnen. Da es aber keine Direktflüge ab Deutschland gibt, machten wir aus der Not eine Tugend und nutzten die Zwischenlandung in Peking für einen kleinen Städte-Trip. Außerdem hatten wir die Hoffnung, gerade rechtzeitig zum Kirschblütenfest Hanami anzukommen. Das hat nicht ganz hingehauen, ich schätze, die Blüten brauchen bei den Temperaturen noch eine Weile, bis sie aufbrechen.
Einschub: gerade ist eine niedlich herausgeputzte Japanerin mit einem Sortiment Snacks (das meiste davon auf Basis Reis und Bohnenpaste) vorbeigekommen. Beim Betreten und Verlassen des Waggons verbeugte sie sich ordnungsgemäß tief. Diese Art Japanerinnen, die einem hier allenthalben begegnen, sind zwar wunderschön anzuschauen, erscheinen einem aber manchmal wie mechanische Aufzieh-Tamagochis, die beständig „arigato gozaimasu“ und „hai, hai, hai“ vor sich hin plappern.
Zurück zu Sapporo und Hokkaido: der einzige Bezug zum Hotel Delfin/ Dolphin war eine Abbildung von Delfinen neueren Datums auf dem Bahnhofs-Vorplatz. Ob das nun aber eine Reminiszenz an das Buch ist oder anders herum, der Autor durch die Abbildung (bzw. einer Vorgängerin) inspiriert wurde, kann ich nicht sagen. Oder die dritte Variante: Abbildung und Autor haben eine gemeinsame Quelle, z.B. in der Mythologie der Eingeborenen. Wie dem auch sei, dass diese Abbildung dort völlig ohne Bezug zum Roman steht, halte ich für eher unwahrscheinlich. Mission Schafsmann erfüllt!
Auch wenn sich (westliche) Touristen hier eher selten hin verirren, so kennt doch jeder Tourist die Stadt dem Namen nach (und jeder Eingeborene sowieo): für die japanische Braukunst ist Sapporo so etwas wie Jever, Bitburg, München, Bamberg und Mossautal in einem. Entsprechend war das Brauerei-Museum unsere erste Station (nach den Delfinen am Bahnhofsvorplatz, versteht sich). Die englische Beschilderung war etwas lückenhaft, vieles verstanden wir aber trotzdem problemlos: englisch mag die universelle lingua franca sein, französisch die Sprache der Liebe, Italienisch die der Oper usw. … in der Brauerei wird Deutsch gesprochen! Höhepunkt war die Verkostung in einem perfekt-selelenlosen Bräukeller-Imitat. Gezapft wurden die 3 Sorten Bier (die irgendwie alle gleich schmeckten) von 3 perfekten Aufzieh-Tamagochis … wenn ich nicht schon verheiratet wäre …  wobei: Birgit meinte, so eine würde sie auch mitnehmen.
Anmerkung: wir haben uns eine Weile über den Ausdruck „perfekt-seelenlos“ unterhalten. Der ist auf keinen Fall negativ zu verstehen, sondern genau im Gegenteil: ich glaube, er drückt eine der faszinierendsten Seiten dieses Landes aus. Der Bräukeller wird sozusagen auf seinen innersten Gehalt an Funktion und Ästhetik reduziert, und alles, was überflüssig ist oder die Funktionalität oder Ästhetik stören könnte, wird entfernt. Und mitten in diese Essenz setzt man 3 unglaublich schöne Mädels, von denen man sich aber nicht sicher sein kann, ob sie wirklich aus Fleisch und Blut bestehen … arigato gozaimasu … hai, hai, hai!
Vielmehr habe ich jetzt hier nicht mehr zu erzählen: wir sind durch die zugige Stadt gestromert  und haben das eine oder andere Photo geschossen. Für das Abendessen haben wir uns im Depachicko (Kaufhaus-Untergeschoss) mit Sushi und Tonkatsu (Schnitzel) eigedeckt. Das Hotelzimmer war „Western-Style“ (also Bett, kein Futon), das Frühstück dafür „Japan-Style“ (mit Reis, Miso-Suppe, Lachs, gepickeltem Gemüse und Tamago).
Auch an unserem zweiten Tag haben wir uns, bei einem Ausflug nach Otaru, der Hokkaidischen Bier-Kultur gewidmet. Das dortige Bräukeller-Imitat war nicht ganz so seelenlos und die Bedienungen nicht ganz so hübsch, dafür trugen sie Dirndl (welches sie allerdings nicht würdig füllen konnten). Es gab Weizen, Helles und Dunkles und zum Essen Weißwurst und Schwartenmagen. Das ganze ist ziemlich authentisch, was auch nicht weiter verwundert, da dieses Brauhaus von einem Deutschen betrieben wird.
Ansonsten gibt es in Otaru einige Glasbläsereien und Läden für Glas, u.a. einen, in dem das ganze Jahr über Weihnachten zelebriert wird. Leider war es saukalt und regnete, so dass wir dem vom Reiseführer vorgeschlagenen romantischen Spaziergang am Kanal nicht wirklich etwas abgewinnen konnten und uns lieber auf ziemlich direktem Weg in’s Brauhaus begaben (s.o.). Die zum romantischen Spaziergang gehörigen Gaslaternen-Imitate und historischen Warenhaus-Fassaden (sic!) brauche ich wohl kaum zu erwähnen … arigato gozaimasu … hai, hai, hai!

A different Point of View

Nach den Ausführungen eines roten Parteibuchträgers, zu dessen Lieblingsfilme Odysee 2001 gehört, hier meine Erlebnisse in Peking.

Aber als erstes muss ich erwähnen, dass Oli am Ankunftstag vor 3 Monaten Geburtstag hatte. *hieh* Doch nun zu unserer Zeit in Peking. Unsere Jugendherberge liegt an der Nan Luo Gu Xiang, einer bei der chinesischen Jugend sehr beliebten Gasse, zwischen vielen Hutongs. Übersetzt heißt Hutong kleine Gasse. (Gasse in Gasse?) Damals wurden die einstöckigen Häuser um einen Brunnen gebaut und es gab nur einen Zugang zu diesem Block. In dieser Gasse ist das Alte nur noch Fassade, denn dahinter verbergen sich Läden wie Starbucks, Churros Joe, Beard Papa (Zuckerwatte) neben vielen Klamottenläden und Fressständen. Wir haben uns am Tag der Ankunft nur durch die Stadt treiben lassen und dabei einiges gesehen, gerochen und geschmeckt:
 
  • In Peking wird auf der Strasse gegessen. An jeder Ecke gibt es lauter Leckereien, denen man selten widerstehen kann. Eins vorweg, wir haben uns hier nicht zurückgehalten und alles bis jetzt (die Inkubationszeit der Vogelgrippe kann mehrere Tage dauern) gesund überstanden.
  • Das Lied mit den vielen Rädern in Peking muss neu geschrieben werden. Zwar stehen noch viele Fahrräder rum, aber die Räder, die nun genutzt werden haben einen Elektroantrieb. Flüsterleise pirschen sie sich an und geben ein Hupkonzert zum Besten.
There are nine million e-bikes in Beijing 
That’s a fact, 
It’s a thing we can’t deny 
Like the fact that I will love you till I die. 
  • Zum Thema Hupkonzert fällt mir noch ein, wenn auch zeitlich etwas später (aber das kann ja unser Geheimnis bleiben), dass im dicksten Gedränge in der o.g. Gasse ein Mann mit Fahrrad ohne Hupe sich durchkämpfte. Um das auszugleichen hat er die ganze Zeit laut gemiaut. 10 Minuten lief er sicher hinter uns her.
  • Beim ersten Besuch eines hiesigen Supermarktes zwecks Ausgleichs des Elektrolythaushalts gab es neben den normalen Fleischekeleien auch noch lebende Tiere im Angebot. In niedrigen Glasschüsseln schwammen Kugelfische, Goldfische, weiße Fische mit rotem Geschwür auf dem Kopf, Schildkröten, Krebse und Axolotl. Wir waren uns nicht ganz sicher, ob diese Tiere der Zierde oder Nahrungsaufnahme galten. Kennt jemand ein gutes Rezept mit Axolotl?
  • Das Gerotze ist wirklich ekelhaft. Ständig hört man wie jemand, Mann oder Frau, alle schleimigen Reste seines tiefen Innersten nach oben holt und diese auf den Boden spuckt. Instinktiv musste ich immer den Nacken einziehen.
  • Aber es geht noch besser: Die Nase muss ja auch noch gereinigt werden. Dazu nimmt man entweder den Finger oder formt ein Taschentuch zu einer Rakete und rein damit. Darauf folgend müssen die Ergebnisse natürlich ausführlich begutachtet werden.
  • Alle 10 bis 50 Meter steht eine Mülltonne. Trotz dass ständig Männer mit umgebauten Fahrrädern diese leeren sind sie voll oder der Müll liegt daneben. Eigentlich müssten sich hier die Ratten und sonstiges Getier sauwohl fühlen.
  • Alle 100 Meter gibt es öffentliche Toiletten. Wir haben uns schon über die Dichte gewundert. Doch die Erklärung ist ganz einfach. In den Häusern der Hutongs gibt es keine Toiletten. Da die Toiletten aber etwas außerhalb liegen und von neuerer Zeit (<> Ming Dynastie) sind, gehe ich davon aus, dass diese erst mit den olympischen Spielen gebaut wurden. An den Ekel davor will ich garnicht denken.
Sonntag, 28. April – Sightseeing im tief versmogten Peking
 
Frühstück auf der Gasse:
Fleischspieße und Yoghurt Pekinger Art in altertümlichen Tongefäßen
 
JingShan Park: 
Park mit einem künstlichen Berg. Eigentlich wollten wir den Park nur als Durchgangsstation zur verbotenen Stadt nutzen, was wir natürlich auch gemacht haben, aber eben auch dort haben wir noch etwas Zeit verbracht. An jeder Ecke des Parks standen Leute und haben zu den Klängen aus einem Lautsprecher musiziert oder gesungen. An einer Ecke stand sogar eine Gruppe mit einem Dirigenten und einem übergroßen Notenblatt. Oben auf den Berg gab es eine tolle Aussicht auf das versmogte Peking. Da half auch das Polieren der Linse nichts, der Grauschleier blieb. Um das zu kompensieren hat Oli gleich mal das Stativ aufgebaut. Nach gefühlten 5 Bildern musste er feststellen, dass so ein Riesending nicht ganz so praxistauglich ist. Ist ja nicht so, dass wir 2 Tage zuvor sehr lange darüber diskutiert haben, ob wir wirklich ein Stativ brauchen. Nunja, er hatte an diesem Tag direkt an der Schulter und die nächsten im großen Rucksack ein exklusives Tragerecht.
 
Verbotene Stadt: 
Große Ansammlung an mehr oder minder renovierten Tempeln mit einer dicken Mauer und einem Wassergraben außen herum. Der Reiseführer schreibt, dass echte Fans hier Tage verbringen würden. Zu uns ist der Funke aber nicht übergesprungen. 
 
Tianamen Platz:
Eigentlich nur ein Platz mit vielen Leuten und viel Geschichte, der wohl besser bewacht ist als die Goldbarren der deutschen Bundesbank. Ein Teil der vielen Leute war auch ein Junge, vermutlich zwischen 2 und 3 Jahren, der wohl gerade in der Windel-Entwöhnungs-Phase war. Hierfür gibt es auch etwas echt chinesisches, nämlich die Kaidangku. Super, so eine Hose, die unten offen ist. Ich habe gleich mal ein dutzend für Justus mitgenommen. Wenn er oder ggf. seine Mutter nicht will, müssen diese halt die Berater tragen.
 
Wangfujing Snackstrasse:
Durch einen verzierten Torbogen geht’s in ein Karree, gesäumt von günstigen Imbissbuden, wo es immer lebhaft zugeht. Das schreibt der Reiseführer. Ich sage mal so, günstig trifft nicht immer zu. Beim ersten Stand, bei dem uns der Geruch und das Essen zusagte, wurden Maultaschen  verkauft. Bisher waren wir es gewohnt, dass alles 10 CNY kostet. Also eine Portion bestellt, die Ware wurde gereicht und wir mussten zahlen. Nämlich 30 CNY (ca. 4€). Für diese Miniportion? Während wir das Mahl genossen haben wir Chinesen beobachtet, die sich mit der Verkäuferin unterhalten haben und dann kopfschüttelnd weiter gelaufen sind. Also, wieder was gelernt. Erst nach dem Preis fragen. Stinke Tofu und das noch lebende Zeug haben wir übersprungen und sind bei den Nudeln gelandet. 1. Frage wie viel kostet das. Uns wurde auf Englisch 20 gesagt. Für eine Handvoll Nudeln okay. Die Nudeln wurden uns gegeben. Ich gebe einen 100er-Schein hin und musste auf das Wechselgeld warten. Ich bekam aber nur 50 zurück. Wie nun? 100 minus 20 sind doch 80, oder? Also gemosert. Der Verkäufer zeigt grinsend auf die Speisekarte (komplett mit chinesischen Schriftzeichen) und zeigt auf die Zahl 50. Vielen Dank auch. Wir waren bedient. Als nächstes gab es nur noch essen mit einer klaren Preisauszeichnung: Kochbananenknödel und Spieße mit Obst und Zuckerüberzug (die chin. Äpfel mit besonders vielen Kernen sind lecker). 
 
Donghuamen-Nachtmarkt:
Noch eine Fressgasse, allerdings mit korrekter Bezeichnung und Bepreisung der Waren. Hier gab es noch einen kleine Nachtisch für Oli: gegrillte Nieren und frittierte Krebse.
 
Hostel:
Da für den nächsten Tag die große Mauer gebucht war, gab es noch ein schnelles Feierabend Bier und dann ab ins Bett.   
 
Montag, 29. April – die wirklich große Mauer
Um 8:15 Uhr sollten wir abgeholt werden, also saßen wir schön brav 8:10 Uhr in der Lobby. 8.25 Uhr kam dann jemand und meinte wir sollen die Gasse runter laufen. Auf dem Weg fing uns eine Asiatin ab und meinte wir sollen bis zum gelben Bus laufen. Leider war es nicht unser Bus. Warten. Nach einem schnellen Spaziergang, wir haben es ja eilig, saßen wir auch schon um 9:15 im Bus. Die Straßen waren dicht und alles hat sich gestaut. Für die 110km haben wir nur 3 Stunden gebraucht. Die angepriesene Hiking Tour (hiking = wandern) hat sich tendenziell als Klettertour herausgestellt. Stellenweise mussten wir auf allen Vieren die bröselnden Treppen erklimmen. Aber wir wurden belohnt mit Sonnenschein, Bäumen in der Kirschblüte und einer grandiosen Aussicht auf und von der Mauer. An den Wachtürmen wurde dem Konsumfreudigen einiges geboten: Bier, Cola, Snickers, Nudelsuppen, T-Shirts und Mützen (Eine Mischung aus Super Mario in der Form und Che Guevara in Farbe und Stern). Ein Verkäufer hat angeboten für 20 CNY den Rucksack (ohne Stativ) oder Oli zu tragen. Wir haben es nicht ganz verstanden und dankend abgelehnt.  
Pünktlich um 19 Uhr, also eine Stunde zu spät, sind wir im Hostel angekommen. Zum Glück haben wir nicht, wie einige fluchende Mitreisende, einen Besuch zu der Kung Fu Show gebucht. Diese startete nämlich um 19 Uhr.
Nach einem Feierabend Bier auf der Dachterrasse des Hostels ging es auch schon wieder los. Essen! Vorspeise auf der Strasse: egg tart (bei uns: portugiesische Natas) und koreanische Nudeln (massive Rigatoni) in einer feurig scharfen Tomatensosse. Hauptgang in einem Chinarestaurant: chinesische Nudeln mit Ei und Speck, frittiertes Rindfleisch mit Möhren, Sellerie und viel Chili/Sechuan Pfeffer und dazu noch Rippchen süss/sauer.  Der Pfeffer war wirklich der Hammer. Unglaublich scharf, zitronig und die Zunge lähmend.
 
Dienstag, 30. April – was wir noch machen wollten
Der Tag ging doch noch schneller vorbei als wir dachten. Wir besuchten noch schnell einen Tempel, sind durch die Hutongs geeilt und haben es den konsumfreudigen Kids in unserer Gasse (fast) gleich getan. Das fast bezieht sich auf folgendes Erlebnis. In einem kleinen Laden (Wand, Regal, Flur, Regal, Flur, Regal, Wand auf einen Durchmesser von 2 Metern) habe ich mich durch die Reihe schieben lassen. Auf einmal Stau. Jemand bleibt stehen und alle müssen sich vorbeidrücken. Als ich dann dran war glaubte ich meinen Augen nicht. Die Stauverursacherin ist an diversen Nagelpflegesets stehen geblieben und hat sich die Nägel mit einem Nagelknippsy geschnitten. Der Gedanke an fliegende Fingernägel lässt mich immer noch erschaudern.   
 
Am Abend haben wir dann die beste Peking Ente bei DaDing gegessen. Eine ganze Ente nur für uns. *freu* Nach einer kurzen Einleitung der Kellnerin über die Architektur und Bau entsprechender Pekingenten-Röllschen und -kugeln, in einer uns nicht verständlichen Sprache, durften wir auch loslegen. Die Ente war wirklich lecker und gefühlt hätten wir auch eine weitere verspeisen können. Hat aber nachgesättigt.
 
Mittwoch, 1. Mai – Abflug hinter der Mauer und Ankuft vor der Mauer 
Wir wurden pünktlich um halb 6 abgeholt und zum Flughafen gefahren. Zum Glück haben wir etwas mehr Zeit eingeplant.
Die dortigen Beschäftigen nehmen ihre Arbeit ganz genau. Wir wurden beide ausgiebig mit diesem Piepsding untersucht. Wie bei der Einreise führte das etwas veraltete Foto in Olis Reisepass zu Komplikationen. Mütze abziehen, Brille runter oder ein seriöses Gesicht machen hat nichts gebracht. Erst durch Freigabe eines höher-rangigen Officers durfte auch Oli ausreisen. Der Flieger war fast leer und wir konnten beobachten wie ein Asiate eine Stange Toast (von der Stange runter), das Bordfrühstück und zwei Gurken (auch von der Stange runter) verspeiste.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Nein, China ist kein lupenrein demokratischer Staat. Das fiel uns spätestens beim Versuch, den vorhergehenden Blog-Beitrag zu veröffentlichen, auf. Hier wird das Volk vor konterrevolutionären Umtrieben geschützt. Auch unseren Facebook-Status konnten wir nicht aktualisieren, da das Regime keinen „Sinn in der Nutzung sozialer Netzwerke sieht“, sondern diese vielmehr als so gefährlich wie Atombomben erachtet. Und bevor wir den Platz des Himmlischen Friedens betreten durften, mussten wir uns einer ausgiebigen Leibes-Visitation unterziehen (zum Glück hatte ich an diesem Tag mein „Free Tibet“ T-Shirt nicht an).

Auf der anderen Seite: von den besungenen 9 Millionen Fahrrädern in Peking wurden mittlerweile bestimmt 1/4 in Luxus-Karossen aus Stuttgart (Untertürkheim und Zuffenhausen), Dingolfing oder Ingolstadt getauscht. 2 weitere Viertel haben ihren Antrieb auf Elektro-Mobilität  umgestellt und gleiten geräusch- und emissionslos durch die Stadt. <Pathos>Und die ganze Stadt strotzt geradezu vor (Kauf-) Kraft, Aufbruchwille und Jugend…</Pathos>

… so, mittlerweile sind wir in Japan, haben unseren Facebook-Status aktualisiert und lassen unseren ersten China-Aufenthalt Revue passieren: wie schon geschrieben, es war kein Kultur-Schock. An schrill angezogene Kids, völlig unlesbare Symbole und eine komisch singsangende Sprache sind wir durch 2 Mal Japan und den Kölschen Dialekt hinreichend gewöhnt. Auch die „touristischen Ärgernisse“ wie demonstrativ zur Schau gestellte Armut, aufdringliche Straßenhändler, aggressive Bettelei oder Kleinkriminalität scheinen hier nicht zu existieren. Ok, wir waren auch nur in der Mega-Metropole Peking, daraus kann man zugegebenermaßen keinen Schluss darüber ziehen, wie es im Rest des Landes aussieht. Zu Peking kann ich aber ziemlich sicher sagen: das braucht sich hinter New York, Rio, Tokyo oder Köln-Rheinauhafen nicht zu verstecken.

Untergebracht waren wir in der Pekineser Jugendherberge in einem traditionellen Hutong, einem historischen Stadtviertel mit niedrigen Bauten. Die Hutongs mit ihrer wenig effizienten Platzausnutzung sind den Stadtplanern wohl ein Dorn im Auge, wir haben keine(s/n) gefunden, in das/ den nicht irgend ein Bagger seine Zähne gehauen hätte. Aber schließlich erlebt China das, was bei uns seit 1950 stattgefunden hat, erst seit ca. 20 Jahren und auch bei uns findet sich aus der Zeit des boomenden Aufschwungs so manche Ecke, die kaum als städtebauliches Meisterstück durchgeht.

Die Jugendherberge glich in Preis und Ausstattung eher einem 3-Sterne-Hotel und das/ der Hutong mit seinen Boutiquen und Fress-Ständen war rund um die Uhr von Massen konsumfreudiger junger Asiaten (ob das Einheimische, inländische Touristen oder Japaner waren konnten wir nicht wirklich herausfinden) belagert. Ein überall präsentes In-Getränk ist Franziskaner Hefeweizen (billiger als in Weinheim am Marktplatz, ich bevorzuge trotzdem „local beer“), an den passenden Gläsern und der Einschenk-Kunst hapert es bisweilen noch. Ein weiterer kulinarischer Verkaufshit ist „Stinky Tofu“, der seinen Namen völlig zu Recht trägt. Je nach Zubereitung stinkt der nach Pisse, Katzenfutter oder einfach nur brechreizerregend übel. Die Pekinesen lieben ihn trotzdem. Genauso wie Spieße mit fetten Maden, noch zappelnden Skorpionen oder gepellten Schlangen. Obwohl ich, was das angeht, kein Kind von Traurigkeit bin, hat mich bei diesen Anblicken doch der Mut vor der eigenen Courage verlassen und ich bin brav bei konventionellen Fleisch- und Fischspießen geblieben.

Auf unserer touristischen Agenda stand neben dem Besuch der verbotenen Stadt, des Platz‘ des Himmlischen Friedens und diverser Tempel auch ein Abstecher zur zweitberühmtesten Mauer der Welt (oder der berühmtesten, die noch steht). Von den über 8.000 km dieses antiken anti-imperialistischen Schutzwalls konnten wir immerhin 6 ganze Kilometer bezwingen, auch wenn wir danach ziemlich platt und muskel-katrig waren.

Den kulinarischen Abschluss bildete eine traditionelle Peking-Ente im besten Enten-Restaurant der Stadt, die zwar nicht wirklich sättigte, dafür aber auch nur 5 Mal soviel kostete wie eine nackte Portion Nudel, bei der wir auf dem Nacht-Nasch-Markt gehörig abgekocht wurden.