Mit dem Drahtesel zum Mond(-Tal)

Nachdem das mit dem Zweiradfahren in der Wüste so gut funktioniert hat, haben wir beschlossen, das am nächsten Tag zu wiederholen. Unsere Urlaubskasse ließ diesmal allerdings nur die muskelgetriebene Variante zu. Irgendwie haben wir uns morgens nicht richtig aufraffen können, und nach dem opulenten Frühstück in unserer Herberge (wir erinnern uns: jeder nur 1 Tasse Kaffee und 1 Brötchen) mussten wir uns erstmal mit einem Completo stärken. Das ist hier so eine Art Nationalgericht und entspricht in etwa einem Hotdog, nur das der obendrauf dick mit Mayonnaise und Avocado-Creme (die ihrerseits wieder mit ordentlich Mayonnaise angerührt ist) bestrichen ist. Nach diesem zweiten Frühstück stand der Planet schon im Zenith, zu unserem Glück war es (ausnahmsweise) etwas bewölkt.

Als wir dann schließlich mit unseren gemieteten Mountainbikes aufgebrochen sind, blieben uns gerade noch 4 Stunden für unsere geplante Tour ins Mondtal (um 5 Uhr ging unser Bus nach Calama). Diese bizarre Wüstenlandschaft hat ihren Namen wahrscheinlich von den Gesteinsformationen, die tatsächlich an Bilder des Erdtrabanten erinnern. Da die allermeisten Touristen aber erst um 4 Uhr aufbrechen, um pünktlich den Sonnenuntergang über den Dünen geniessen zu können, kamen wir uns tatsächlich wie auf dem Mond vor, nämlich einsam und gottverlassen.

Mit raushängender Zunge haben wir es gerade so geschafft, alle Sehenswürdigkeiten auf (virtuellen) Film zu bannen (siehe Photos). Allerdings war ich danach so platt, dass ich mir die Bilder in Ruhe anschauen musste, um zu wissen, was ich alles gesehen habe.

In Calama wollten die tatsächlich über 5 Eu für die Aufbewahrung unserer Rucksäcke, so dass wir unsere 3 Stunden Wartezeit halt in vollem Ornat verbrachten. Wir nutzten diese Zeit, um uns im Supermarkt mit dem nötigsten einzudecken: Bier (dessen Konsum in der Öffentlichkeit in Chile verboten ist), Hartwurst (juhu, es gibt wieder welche!) und Schokolade.

Das heimlich konsumierte Bier verlieh uns die nötige Bettschwere, so dass wir rekordverdächtig gut während der Nachtbus-Fahrt geschlafen haben (oder waren es die chilenischen Straßen? oder die Gewöhnung?).

Wüsten-Kälbchen

Mit der Ankunft in Calama, unserer ersten chilenischen Stadt, ist das Südamerika, wie wir es bis jetzt erlebt haben, verschwunden: wir fahren vorbei an Shopping Malls gigantischen Ausmaßes, die Strassen verdienen diese Bezeichnung und die Mauern sind nicht mehr von einzementierten, zerschlagenen Glasflaschen gekrönt.

Ein weiterer Kontrast, insbesondere zu Bolivien: der Umrechnungskurs für den chilenischen Peso zum Euro liegt aktuell bei 610 zu 1. Das ist erstens nicht gerade Kopfrechen-freundlich, und zweitens erhöhen die daraus resultierenden großen Zahlen den, durchaus nicht nur subjektiven, Eindruck, dass hier alles sauteuer ist. So haben wir uns auf dem Markt in Potosi für 12 Bolivianos, etwas über € 1,20, zu zweit lecker den Bauch vollgeschlagen, während wir hier für einen Liter Wasser $1000, also über € 1,50 berappen müssen. Off-Topic: weiß eigentlich jemand, wovon Margot Honecker lebt? Hat sie Rentenansprüche oder zehrt sie von den vermeintlich verschwundenen SED-Milliarden?

Wie dem auch sei: der Bus, mit dem wir nach San Pedro de Atacama, unserem Tagesziel, weiterfahren wollten, fiel ersatzlos aus. Zum Glück hatten wir während der Grenz-Schikanen Karl-Heinz, einen kleinen Mexikaner, kennengelernt. Seinen Namen verdankt er übrigens nicht etwa deutschen Vorfahren, sondern einem gewissen Herrn Rumenigge. Auf jeden Fall konnte er, im Gegensatz zu uns, problemlos in Erfahrung bringen, wann und wo ein alternativer Bus fährt und wo sich der nächste Geldautomat befindet. Durch diesen glücklichen Umstand gehörten wir zu den wenigen, die nicht in Calama strandeten.

Hier noch 2 Einträge in unsere Superlativ-Liste: die Atacama-Wüste ist die trockenste des Planeten und Calama rühmt sich, den größten Tagebau zu besitzen (ich muss zugeben, ich dachte bis dato, der sei in Neufünfland).

Nach der Ankunft in SPdA der nächste Preis-Schock: für ein mickriges, muffiges Zimmer in einer Jugendherberge wurden über 60 Eu aufgerufen. Das darin inkludierte Frühstück bestand aus einer(!) Tasse löslichen Kaffees und einem(!) trockenen Brötchen ohne Alles. Immerhin ist das chilenische Bier gut und nicht viel teurer als das Wasser.

Als Dorf hat SPdA nicht viel zu bieten, die Hauptattraktionen bestehen in Touren in die umliegende Wüste. Auf unserer Suche nach einem Tour-Anbieter stand sie dann auf einmal wie eine Fata Morgana vor mir: eine nagelneue 650er GS. 10 Minuten später hatten wir eine halbtägige Wüstenfahrt gebucht und waren um $111.000 ärmer.

Nach dem wir mit kompletter Schutz-Montur (inkl. Stiefel und Schildkröte, echt vertrauenserweckend) ausgestattet wurden, ging’s los.  Bei unserem ersten Zwischenstopp meinte der Guide, ich müsse mein Schlagloch-Radar noch etwas optimieren: es würde zwar schon sehr gut funktionieren, es sei aber besser, die gefundenen Löcher zu umfahren statt genau durchzurumpeln. Dem 650er Kälbchen fehlten ein paar PS und mir in den Passagen abseits asphaltierter Strassen die Sicherheit (Birgit hat es vorgezogen, auf dem Sozia-Platz zu bleiben, Feiglinin!), war aber trotzdem ein tolles Erlebnis. Für unseren Guide übrigens auch, er freute sich ein Loch in den Bauch als wir auf bei einem Zwischenstopp eine kleine Schlange, die für mich wie eine Blindschleiche aussah, gesehen haben. Laut seiner Aussage ist diese Art absolut tödlich, wenn sie sich länger als 24 Stunden an den Pulsadern festbeißt!?

PS: nächste Saison werde ich definitiv einen Dickschiff-Offroad-Kurs besuchen!

Sonderausgabe Grenzerfahrungen

Ursprünglich hatten wir ja mal geplant, unseren „Lebensurlaub“ in Südost-Asien zu verbringen. Aus strategischen Überlegungen haben wir dann auf Südamerika umgeschwenkt, da wir es dort mit einer einzigen Sprache zu tun haben (ok, betrachten wir Portugiesisch als eine Art spanischen Dialekt) und wir als EU-Bürger den Kontinent von Nord nach Süd Visa-frei bereisen dürfen.

Und wie sieht die Realität aus? Unser mühsam erlerntes Spanisch reicht für profunde Trivialsätze wie „dos cervezas por favor“ oder „la cuenta“. Und bereits eine Handvoll erfahrene Traveller haben uns versichert, dass sie nirgends auf der Welt auf so wenig Englisch-Verständnis getroffen sind wie hier.

Blieb noch der Vorteil der unbürokratischen Grenzübertritte … bis heute. Die Unannehmlichkeiten bereiteten uns nicht etwa die Bolivianer, bei denen wir eigentlich damit gerechnet hätten. Die Ausreise erfolgte, wie gesagt, sogar mit einem beiderseitigen Lächeln. Danach ging’s dann aber erst richtig los: ich vermute, dass das mit dem schwelenden Konflikt der beiden Länder um Wasserrechte und Meereszugang zu tun hat. Auf jeden Fall musste uns der bolivianische Bus in der Mitte des Niemandslands, mitten in der Wüste, rauswerfen. Dort mussten wir 3 Stunden harren, bis der chilenische Bus uns im Austausch mit seinen bolivianischen Passagieren abholte. Es war, wie man sich einen Agententausch im kalten Krieg auf der Glinicker Brücke vorstellt. Wahrscheinlich mit dem kleinen Unterschied, dass es dort sanitäre Anlagen gab und der Boden daher nicht mit gebrauchtem Klopapier, Windeln, Tampons und ähnlichem übersät war.

Der Fahrer verteilte die umfangreichen Einreise- und Zollformulare und sammelte unsere Pässe ein. Nach einer weiteren Stunde Wartezeit (immernoch mitten in der Wüste) fuhren wir dann zum chilenischen Grenzposten. Dort hatten sowohl die Zöllner als auch die Einreisebeamten natürlich gerade Mittag. Als wir endlich drankamen, tönte uns aus dem Grenzer-Kabuff laut Metallica entgegen.

Zum krönenden Abschluss wurde dann noch jedes Gepäckstück pseudo-gründlich inspiziert. Hintergrund hierfür ist das strikten Einfuhrverbot für tierische und pflanzliche Produkte (und das, obwohl die Hunde die einzigen sind, die die Grenze ohne die beschriebenen Schikanen überqueren dürfen). Aus lauter Panik habe ich unsere Eiserne-Reserve-Dosenwurst im Abfall versenkt. Als wir erkannt haben, dass die Beamten gerade Mittag machen, wollte ich sie wieder rausholen, leider hatten die Mitreisenden inzwischen auch schon ihre Lebensmittel in der gleichen Tonne entsorgt. So blieben uns nur ein paar trockene Kekse zur Stärkung und Überbrückung der Wartezeit.

Damit hat der gesamte Grenzübertritt schlappe 5 1/2 Stunden gedauert, davon 4 in der Wüste. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Asiaten das toppen können.

Jetzt sitzen wir in einem ziemlich mitgenommenen Bus mit kaputter Kupplung, der jedesmal beim Anfahren ausgeht. Ich denke, Erich und Margot hatten es bei der Einreise leichter. Uns bleiben noch 5 Stunden Busfahrt und der Traum von Dosenwurst.

PS: zwischenzeitig hat die Kupplung des Bus‘ ihren Geist völlig aufgegeben, so dass der Fahrer die letzten 100 Kilometer halt ohne zurückgelegt hat. Nach 17 Stunden Fahrt (brutto) sind wir schließlich um 9 Uhr abends am Ziel unserer Träume angekommen. Dort haben wir die deutschen Traveller aus der Mine getroffen, die den Bus einen Tag vorher genommen hatten. Bei denen hat die Kupplung zwar durchgehalten, dafür musste der Fahrer wegen akuter Trunkenheit gewechselt werden … dann doch lieber die Variante mit der Kupplung!