Wüsten-Kälbchen

Mit der Ankunft in Calama, unserer ersten chilenischen Stadt, ist das Südamerika, wie wir es bis jetzt erlebt haben, verschwunden: wir fahren vorbei an Shopping Malls gigantischen Ausmaßes, die Strassen verdienen diese Bezeichnung und die Mauern sind nicht mehr von einzementierten, zerschlagenen Glasflaschen gekrönt.

Ein weiterer Kontrast, insbesondere zu Bolivien: der Umrechnungskurs für den chilenischen Peso zum Euro liegt aktuell bei 610 zu 1. Das ist erstens nicht gerade Kopfrechen-freundlich, und zweitens erhöhen die daraus resultierenden großen Zahlen den, durchaus nicht nur subjektiven, Eindruck, dass hier alles sauteuer ist. So haben wir uns auf dem Markt in Potosi für 12 Bolivianos, etwas über € 1,20, zu zweit lecker den Bauch vollgeschlagen, während wir hier für einen Liter Wasser $1000, also über € 1,50 berappen müssen. Off-Topic: weiß eigentlich jemand, wovon Margot Honecker lebt? Hat sie Rentenansprüche oder zehrt sie von den vermeintlich verschwundenen SED-Milliarden?

Wie dem auch sei: der Bus, mit dem wir nach San Pedro de Atacama, unserem Tagesziel, weiterfahren wollten, fiel ersatzlos aus. Zum Glück hatten wir während der Grenz-Schikanen Karl-Heinz, einen kleinen Mexikaner, kennengelernt. Seinen Namen verdankt er übrigens nicht etwa deutschen Vorfahren, sondern einem gewissen Herrn Rumenigge. Auf jeden Fall konnte er, im Gegensatz zu uns, problemlos in Erfahrung bringen, wann und wo ein alternativer Bus fährt und wo sich der nächste Geldautomat befindet. Durch diesen glücklichen Umstand gehörten wir zu den wenigen, die nicht in Calama strandeten.

Hier noch 2 Einträge in unsere Superlativ-Liste: die Atacama-Wüste ist die trockenste des Planeten und Calama rühmt sich, den größten Tagebau zu besitzen (ich muss zugeben, ich dachte bis dato, der sei in Neufünfland).

Nach der Ankunft in SPdA der nächste Preis-Schock: für ein mickriges, muffiges Zimmer in einer Jugendherberge wurden über 60 Eu aufgerufen. Das darin inkludierte Frühstück bestand aus einer(!) Tasse löslichen Kaffees und einem(!) trockenen Brötchen ohne Alles. Immerhin ist das chilenische Bier gut und nicht viel teurer als das Wasser.

Als Dorf hat SPdA nicht viel zu bieten, die Hauptattraktionen bestehen in Touren in die umliegende Wüste. Auf unserer Suche nach einem Tour-Anbieter stand sie dann auf einmal wie eine Fata Morgana vor mir: eine nagelneue 650er GS. 10 Minuten später hatten wir eine halbtägige Wüstenfahrt gebucht und waren um $111.000 ärmer.

Nach dem wir mit kompletter Schutz-Montur (inkl. Stiefel und Schildkröte, echt vertrauenserweckend) ausgestattet wurden, ging’s los.  Bei unserem ersten Zwischenstopp meinte der Guide, ich müsse mein Schlagloch-Radar noch etwas optimieren: es würde zwar schon sehr gut funktionieren, es sei aber besser, die gefundenen Löcher zu umfahren statt genau durchzurumpeln. Dem 650er Kälbchen fehlten ein paar PS und mir in den Passagen abseits asphaltierter Strassen die Sicherheit (Birgit hat es vorgezogen, auf dem Sozia-Platz zu bleiben, Feiglinin!), war aber trotzdem ein tolles Erlebnis. Für unseren Guide übrigens auch, er freute sich ein Loch in den Bauch als wir auf bei einem Zwischenstopp eine kleine Schlange, die für mich wie eine Blindschleiche aussah, gesehen haben. Laut seiner Aussage ist diese Art absolut tödlich, wenn sie sich länger als 24 Stunden an den Pulsadern festbeißt!?

PS: nächste Saison werde ich definitiv einen Dickschiff-Offroad-Kurs besuchen!

Sonderausgabe Grenzerfahrungen

Ursprünglich hatten wir ja mal geplant, unseren „Lebensurlaub“ in Südost-Asien zu verbringen. Aus strategischen Überlegungen haben wir dann auf Südamerika umgeschwenkt, da wir es dort mit einer einzigen Sprache zu tun haben (ok, betrachten wir Portugiesisch als eine Art spanischen Dialekt) und wir als EU-Bürger den Kontinent von Nord nach Süd Visa-frei bereisen dürfen.

Und wie sieht die Realität aus? Unser mühsam erlerntes Spanisch reicht für profunde Trivialsätze wie „dos cervezas por favor“ oder „la cuenta“. Und bereits eine Handvoll erfahrene Traveller haben uns versichert, dass sie nirgends auf der Welt auf so wenig Englisch-Verständnis getroffen sind wie hier.

Blieb noch der Vorteil der unbürokratischen Grenzübertritte … bis heute. Die Unannehmlichkeiten bereiteten uns nicht etwa die Bolivianer, bei denen wir eigentlich damit gerechnet hätten. Die Ausreise erfolgte, wie gesagt, sogar mit einem beiderseitigen Lächeln. Danach ging’s dann aber erst richtig los: ich vermute, dass das mit dem schwelenden Konflikt der beiden Länder um Wasserrechte und Meereszugang zu tun hat. Auf jeden Fall musste uns der bolivianische Bus in der Mitte des Niemandslands, mitten in der Wüste, rauswerfen. Dort mussten wir 3 Stunden harren, bis der chilenische Bus uns im Austausch mit seinen bolivianischen Passagieren abholte. Es war, wie man sich einen Agententausch im kalten Krieg auf der Glinicker Brücke vorstellt. Wahrscheinlich mit dem kleinen Unterschied, dass es dort sanitäre Anlagen gab und der Boden daher nicht mit gebrauchtem Klopapier, Windeln, Tampons und ähnlichem übersät war.

Der Fahrer verteilte die umfangreichen Einreise- und Zollformulare und sammelte unsere Pässe ein. Nach einer weiteren Stunde Wartezeit (immernoch mitten in der Wüste) fuhren wir dann zum chilenischen Grenzposten. Dort hatten sowohl die Zöllner als auch die Einreisebeamten natürlich gerade Mittag. Als wir endlich drankamen, tönte uns aus dem Grenzer-Kabuff laut Metallica entgegen.

Zum krönenden Abschluss wurde dann noch jedes Gepäckstück pseudo-gründlich inspiziert. Hintergrund hierfür ist das strikten Einfuhrverbot für tierische und pflanzliche Produkte (und das, obwohl die Hunde die einzigen sind, die die Grenze ohne die beschriebenen Schikanen überqueren dürfen). Aus lauter Panik habe ich unsere Eiserne-Reserve-Dosenwurst im Abfall versenkt. Als wir erkannt haben, dass die Beamten gerade Mittag machen, wollte ich sie wieder rausholen, leider hatten die Mitreisenden inzwischen auch schon ihre Lebensmittel in der gleichen Tonne entsorgt. So blieben uns nur ein paar trockene Kekse zur Stärkung und Überbrückung der Wartezeit.

Damit hat der gesamte Grenzübertritt schlappe 5 1/2 Stunden gedauert, davon 4 in der Wüste. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Asiaten das toppen können.

Jetzt sitzen wir in einem ziemlich mitgenommenen Bus mit kaputter Kupplung, der jedesmal beim Anfahren ausgeht. Ich denke, Erich und Margot hatten es bei der Einreise leichter. Uns bleiben noch 5 Stunden Busfahrt und der Traum von Dosenwurst.

PS: zwischenzeitig hat die Kupplung des Bus‘ ihren Geist völlig aufgegeben, so dass der Fahrer die letzten 100 Kilometer halt ohne zurückgelegt hat. Nach 17 Stunden Fahrt (brutto) sind wir schließlich um 9 Uhr abends am Ziel unserer Träume angekommen. Dort haben wir die deutschen Traveller aus der Mine getroffen, die den Bus einen Tag vorher genommen hatten. Bei denen hat die Kupplung zwar durchgehalten, dafür musste der Fahrer wegen akuter Trunkenheit gewechselt werden … dann doch lieber die Variante mit der Kupplung!

Salz, Salz, Salz und unfreundliche Leute

Es ist 6 Uhr, seit 1/2 4 heute morgen sitzen wir im Bus in Richtung Chile. Gerade kam etwas Unruhe auf, da ein mitreisender Franzose einen epileptischen oder sonstigen Anfall hatte. Zum Glück ist auch eine Ärztin/ Medizinstudentin/ Krankenschwester mit an Bord, vorerst scheint die Situation entschärft, allerdings haben wir noch über 12 Stunden Fahrt vor der Brust.

Nach genau einer Woche werden wir Bolivien heute wieder verlassen, und ich muss sagen, sonderlich schwer fällt uns der Abschied nicht. Irgendwie wollte es dem Land nicht gelingen, einen nachhaltig positiven Eindruck bei uns zu hinterlassen. Zugegeben, auf der Haben-Seite stehen die Stadt-Führung der anderen Art in La Paz, die Mine in Potosi und der spektakuläre Salzsee bei Uyuni (s.u.). Dem gegenüber stehen aber lustlose und unfreundliche Menschen, die uns stets das Gefühl vermittelten, dass sie uns über’s Ohr hauen wollen. Der Wahrheit und Political Correctness halber: natürlich können wir dies ausschließlich aus der touristisch-/ professionellen Sicht beurteilen!

Diese im ganzen Land spürbare Attitude wurde in Uyuni perfektioniert. Ein gutes Beispiel ist das Kaufen der Tickets für diesen Bus: die Verkäuferin schaffte es weder, ihren Blick vom laut plärrenden Fernseher abzuwenden, noch ihre Zähne weiter als 2 Millimeter auseinanderzubekommen, was beides die Kommunikation nicht unbedingt erleichterte. Auch im Restaurant erging es uns nicht besser, und beim Bierkauf wurden wir weggeschickt, weil das dicke Kind, das den Laden führte, unseren 50er (umgerechnet etwas mehr als 5 Eu) nicht wechseln konnte. Das mit dem Wechselgeld war zwar bisher überall ein Problem, in Ecuador und Peru war es aber normal, dass der Verkäufer dann loszog und die Nachbarschaft so lange abgeklappert hat, bis er sein Geschäft gemacht hat und wir den Laden, wenn auch mit etwas Verzögerung, mit Bier und Wechselgeld verlassen konnten. Hier funktionierte das wahrscheinlich deshalb nicht, weil das Kind dann etwas im Fernsehen, dem seine ungeteilte Aufmerksamkeit galt, verpasst hätte. Ein kommentarloses, aber in seiner Klarheit auch für uns Gringos verständliches ‚No!‘ ist da schon einfacher. Auch unser etwas perplexer Abschiedsgruß wurde nicht erwidert.

Jetzt zum nächsten Superlativ auf unserer Liste. Damit meine ich nicht „unfreundlichstes Land Südamerikas“ sondern „größter Salzsee der Welt“, den Salar de Uyuni. EineTour gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Gringo-Travellers, also liessen wir uns in einer der zahlreich vorhandenen Agenturen, diesmal nicht ganz so unfreundlich, abfertigen und vielleicht auch nicht ganz so arg über’s Ohr hauen.

Die geplante 3-Tages-Tour konnte nicht stattfinden, da es in einem darin enthaltenen Landesteil Unruhen gibt. Stattdessen wurde uns eine zweitägigeTour für etwas über 60 Eu je Nase angeboten.

Die einschlägigen Internet-Foren sind voll mit Berichten über betrunkene Fahrer, die, wenn man sie darauf anspricht, auch mal das Messer ziehen. In dieser Hinsicht hatten wir Glück. Unserer sprach zwar kein Englisch, würde in einem Freundlichkeitswettbewerb sicher auch nicht in’s Finale einziehen und konsumierte während der 2 Tage bestimmt 1 Kilo Coca-Blätter, war aber weder alkoholisiert noch aggressiv. Dafür unterhielt er uns beide Tage mit einer CD, auf der sich nur ein einziges Lied befand, die er aber in Endlosschleife abspielte. Das ganze klang in etwa wie Heidi auf Speed.
Zum Salzsee selbst möchte ich wieder den Spruch mit dem Bild und den 1000 Worten bemühen und auf die Photos verweisen.
Übernachtet haben wir in einem Salzhotel. Wer sich nichts darunter vorstellen kann: dort kann man sich das Gewürz für sein Frühstücksei, so man denn eines hat, wahlweise aus der Wand meißeln oder vom Boden auflesen. Leider gab es in diesem Hotel nur 1 Doppelzimmer, und das hat uns ein chilenisches Paar weggeschnappt (das war gar nicht so schwer: im Gegensatz zu uns konnten sie sagen, dass sie es gerne hätten). So mussten wir die Nacht zusammen mit Edgar und Lenny, einem Panamaer (Panamesen?) und einem Flensburger verbringen.

Die beiden wurden übrigens wesentlich deftiger vom Veranstalter gelinkt: ihre gebuchte 3-Tages-Tour bestand, ersatzweise für den Besuch im Unruhegebiet, darin, dass sie am Abend des ersten Tags irgendwo im Nirgendwo Plan- und Führer-los ausgesetzt und am Nachmittag des zweiten Tags von unserer Gruppe aufgelesen wurden. Dann besuchten sie gemeinsam mit uns de Sehenswürdigkeiten, die sie schon am Vortag besichtigt hatten (und sollten dafür auch nochmal Eintritt löhnen). Ich bewundere die beiden für ihre Geduld, mir wäre der Ar*** geplatzt.

Dass Gerüttel im Bus ist mittlerweile so heftig, dass ich das Tippen jetzt einstelle.  Der französische Patient schläft, Birgit auch. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Ausreise ähnlich komplikationslos verläuft wie die Einreise.

PS: mir fällt gerade noch einSpruch ein, den ich insbesondere den Leuten in Uyuni nahelegen möchte: Verkaufen ist die Kunst, den Kunden so über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet“

PPS: jetzt ist 1/2 9 und wir haben den bolivianischen Ausreisestempel. Und wie um meine Ausführungen oben Lügen zu strafen lächelte der Grenzer, erkundigte sich nach unserem Befinden und wünschte uns eine gute Weiterreise!

Der Steiger kommt!

An mir ging die Höhenkrankheit komplett vorbei (das hatte ich auch so erwartet), und selbst Birgit, die in der Vergangenheit etwas empfindlich war, blieb diesmal verschont è Schamane: Zero Points!

Der Besuch in der Mine heute ging allerdings wirklich an die Grenze unseres Gringo-Verständnis’. Dazu vorweg: es handelt sich dabei nicht etwa um ein Besucherbergwerk oder eine stillgelegte Anlage, dort wird Tag für Tag Mineralerz (Silber, Zinn, Zink, Blei) in nicht unerheblicher Menge abgebaut. Das staatliche Bergbauunternehmen Boliviens hat diese Mine in den 80er Jahren aufgegeben, seither wird es von den Bergleuten in genossenschaftlich organisierter Eigenregie betrieben.

Wir waren mal im Salzbergwerk in Bad Reichenhall. Dort sind wir mit einer Grubenbahn in den Berg eingefahren, danach ging’s mit einer lustigen Rutsche eine Etage tiefer, mit einem Boot haben wir einen unterirdischen See überquert, bevor es mit dem Aufzug wieder nach oben ging. Unterschiedlicher hätte die Erfahrung hier nicht sein können: schon kurz nachdem wir, zu Fuß, das Tageslicht hinter uns gelassen hatten, war der Stollen kaum mehr einen Meter hoch. Beleuchtung gab es, von unseren Kopflampen abgesehen, keine. Bald wurde die Luft auch noch so stickig und heiß (35 Grad), dass ich, von akuter Atemnot geplagt, an’s Aufgeben dachte (natürlich hatte ich Dackel mein Aerosol vergessen). Nach einer ziemlich langen Verschnaufpause an einer etwas großzügigeren Stelle habe ich dann beschlossen: die Tour ist bezahlt, die Tour wird gemacht. Danach ging es über einen Schacht hinunter in die nächste Ebene. Wer bei einem Schacht an sowas wie einen Förderkorb denkt, ist schief gewickelt. Dieser Schacht war einfach irgendwie in den Fels gehauen und gesprengt. Stellenweise ging er fast senkrecht nach unten, stellenweise war er nur 40 cm hoch. Offiziell war das die kritischste Stelle unserer Tour, wir empfanden sie aber eher als Spaß, da wir hauptsächlich auf dem Hintern runtergerutscht sind (siehe Salzbergwerk). Dass das Ganze wirklich kein Spaß ist, wurde uns klar, als uns Bergleute mit voller Ausrüstung entgegenkamen (wir nach unten, demnach die nach oben). Laut unserem Führer, der dort selbst jahrelang als Bergmann gearbeitet hat, kann sich auch nicht jede Genossenschaft elektrische Winden leisten: die ärmeren transportieren auch ihr Erz auf diesem Weg nach oben.

Der Rest der Tour setzt sich aus mal engeren, mal schmaleren, mal höheren, mal niedrigeren, mal steileren, mal flacheren und mehr oder weniger stickigen, aber immer heißen, Abschnitten zusammen.

Ich muss es hier noch einmal, zum letzten Mal, betonen: die Arbeiter dort leisten in meinen Augen übermenschliches! Je nach Finanzausstattung der Genossenschaft werden die Sprenglöcher mit Hammer und Meisel ins Gestein geschlagen, das Erz auf dem Buckel in die Hauptstollen getragen und die beladenen Loren dann mit 4 Mann zum Ausgang geschoben. Entsprechend sahen alle Kumpel, die uns begegnet sind, auch eher wie Zombis als wie Menschen aus. Coca, Zigaretten und starker Alkohol (96%!) sind hier aktiver Bestandteil der Lebens-Bewältigung. Der älteste Arbeiter, der uns begegnete, war 49 Jahre alt und arbeitete seit 15 Jahren unter Tage. Das ist genau ein Jahr weniger, als der jüngste auf der Welt weilt: mit 14 ist die Arbeit unter Tage zwar offiziell auch hier verboten, aber: wenn der Vater bei einem Grubenunglück stirbt, muss ja irgendjemand die Familie ernähren.

Der Rest wird dann doch etwas touristisch: als Besucher darf/ kann/ soll/ muss man den Bergleuten Geschenke, etwa Dynamit, Alkohol, Coca, Arbeitshandschuhe, Helme oder Wasser mitbringen. Wir entschieden uns für 2 Stangen Dynamit, 2 Liter Wasser und ein paar Handschuhe (und ja: das Dynamit wurde uns ohne weiteres, einfach so, verkauft).  In den Schächten gibt es gelegentlich eine Art Altare, an denen dem gehörnten, bocksfüßigen Herrn der Unterwelt (der hier „Tijo“, also Onkel genannt wird),  Opfer (Alkohol, Coca, Zigaretten) dargebracht werden. Laut unserem Führer sind die aber hauptsächlich für Touristen und ältere Bergleute aufgestellt.

Nach 2 Stunden unter Tage waren wir doch ziemlich froh, das Licht der Sonne wieder zu sehen.

PS: beim hundertsten Mal, dass ich meinen(zum Glück behelmten) Kopf irgendwo angeschlagen habe, habe ich mit dem Zählen aufgehört.

Blutige Stadt des Friedens

Wiedermal sitzen wir in einem Nachtbus und ich hoffe, wir werden uns gleich Richtung Potosí in Bewegung setzen. Zeit, die letzten beiden Tage in La Paz Revue passieren zu lassen. Gestern war im Wesentlichen Lungern und das Ausnutzen unserer 3-Sterne-Unterkunft angesagt. Das Frühstück hat den 3*-Anspruch nicht ganz erfüllt, immerhin waren die Backwaren richtig lecker. Ich würde sogar behaupten, dass es, seit der Bäcker Müller seine Stollen nicht mehr bäckt, in ganz Weinheim keine so guten Brötchen gibt.

Kurzer Einschub zum Thema Bus: die Überland-, und vor allem die Nachtbusse haben hier in Bolivien einen ziemlich schlechten Ruf. Immer wieder muss man von betrunkenen und/ oder übermüdeten Fahrern, einem miesen Zustand des rollenden Materials und legendär schlechten Straßen lesen (einschl. Reisewarnung Auswärtiges Amt). Nach einigen Erkundigungen haben wir immerhin die Linie mit der besten Reputation gewählt. Beim Einsteigen fiel direkt ein gravierenderUnterschied zu Ecuador und insbesondere Peru auf: hier wird nicht mal dasTicket kontrolliert, geschweige denn die in den o.g. Ländern übliche Gepäck- und Personenkontrolle. Ansonsten wirkt der Bus ziemlich vertrauenserweckend, und die Bestuhlung ist die bequemste, die wir bisher hatten.

Doch zurück zu gestern, konkret zum Frühstück: ich vermute, dass das was mit der Solidarität mit Kuba zu tun hat, aber hier ist alles völlig übersüßt. Beim Yoghurt kann ich das ja noch halbwegs verstehen, da wird bisweilen auch bei uns dem evtl. etwas dürftig ausfallenden Fruchtaroma mit“Yoghurt-Fein“ nachgeholfen. Warum man aber den frisch gepressten Saft sonnengereifter Orangen bis zur Ungeniessbarkeit aufsüßen muss, erschliesst sich mir beim besten Willen nicht. Und einen Kaffee ohne Zucker zu bekommen ist hier schlechterdings nicht möglich, mir scheint, der wird direkt beim Brühen (der Ausdruck stimmt nicht ganz, da es hier fast nur Löslichen gibt) zugesetzt.

Nach der Stärkung mit lecker Brötchen und gesalzener Butter haben wir uns dann zu einem ersten ausführlicheren Erkundungsgang aufgemacht. Rom ist auf 7 Hügeln erbaut, La Paz gefühlt auf 700. Zur Erinnerung: 900 Höhenmeter innerhalb des Stadtgebiets! Ich bin mir sicher, hier gibt es nicht einen Meter ebenen Wegs.Unsere Route führte uns, bald bergauf, bald bergab, ins Reichen- und Gringoviertel. Dort sollte es lt. Lonely Planet in der „Kuchenstube“ den besten Käsekuchen des Kontinents geben. Ob das tatsächlich stimmt, können wir zwar, mangels Vergleichsmöglichkeit, nicht bestätigen, aber lecker war er in der Tat. Danach waren wir so erschöpft, dass wir uns im nächstgelegenen Westler-Supermarkt mit einem Sortiment der heimischen Braukunst eindeckten, uns mit dem Taxi ins Hotel fahren ließen und dort den Rest des Tages mit dem Konsum unserer Einkäufe und der Pflege unserer Facebook-Profile verbrachten. Abends schafften wir es nicht weiter als bis zu der direkt gegenüber liegenden Pizzeria, in der wir auch am Vorabend speisten.

In der Lobby des Hotels fanden wir einen Prospekt für eine Stadttour der etwas anderen Art: statt mit dem Bus die Reiseführer-Sehenswürdigkeiten abzuklappern wurde dort angeboten, unter Führung eines Einheimischen, und zu Fuß, die Ecken der Stadt zu erkunden, in die sich normalerweise nie ein Nicht-Eingeweihter verirrt (Werbespruch: „if you don’t book this tour, you’re just a Gringo with dinero“).

Das Frühstück heute war nicht minder süß, und nach dem Auschecken ging unsere Per-Pedes-Tour los. Erste Station war zwecks Stärkung der Markt, wo es (un- oder zumindest kaum gesüßten) Saft und eine Art Teigtaschen gab. Danach wurden dann doch ein paar Reiseführer-Sehenswürdigkeiten abgehakt, unter anderem das kurioseste Gefängnis der Welt: die Gefangenen werden dort in einem, mit hohen Mauern umschlossenen, Straßenblock eingesperrt und, aus Kostengründen, sich selbst überlassen. Wer über die nötigen Mittel verfügt (also z.B. Drogenbarone), kann durchaus ein Penthouse mit Swimming-Pool und Bediensteten beziehen, wer nicht, hat es schwer. Berühmt wurde dieses Gefängnis wohl durch einen britischen Gefangenen, der seine Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben hat. Den Namen habe ich schon wieder vergessen, hat mir auch nichts gesagt. Auf jedem Fall gibt es da wohl eine Passage, wo der Gefängnisarzt ihm, trotz einer lebensgefährlichen Lungenentzündung, die Behandlung verweigert, da er die Rechnung nicht begleichen kann.
Und da das Überleben für  eine vaterlose Familie hier wohl besonders schwer ist, ist es nicht unüblich, dass die ganze Familie mit dem Ernährer einfährt.
Bis 2009 luden korrupte Polizisten regelmäßig Touristen gegen einen kleinen Bakschisch zu Besichtigungen ein, nachdem aber davon ein Video auf Youtube aufgetaucht ist, hat die Regierung diese besonderen Touren zwecks Imagepflege unterbunden.

Danach begann der wirklich interessante Teil: (zum Glück) mit dem Taxi ging es extrem steil nach oben (vergesst die Lombard-Street) in die Vororte. Und dort auf den nicht-touristischen Hexenmarkt. Dort wurden neben den getrockneten Lama-Föten, die wir auch schon auf dem Touri-Pendant bestaunt hatten, auch andere Arten von Talismanen, Glücks- (für einen selbst) und Unglücks-Bringer (für die Feinde/ Konkurrenz) verkauft. Wir deckten uns, als wichtigste Ingredienz für das bevorstehende Schamanen-Ritual, mit ordentlich Coca-Blättern ein. Zur Sicherheit deponierten wir einige davon in unseren Backentaschen. Danach ging’s in eine, auch am helllichten Tag, klandestine Gasse, in die wir uns ohne Führer sicher in 1000 Jahren nicht getraut hätten. Dort empfing uns ein Schamane in einem Verschlag und sagte uns anhand der Karten und der Blätter die Zukunft voraus. Die Holländer, die mit uns unterwegs waren, wollten wissen, ob sie ihre Wohnung noch in diesem Jahr verkaufen würden. Der Wahrsager sah dafür eher schwarz, man könne aber die Wahrscheinlichkeit durch eine (aufpreispflichtige) Zeremonie erhöhen. Nachtigall, ich hör dir trapsen! Wir wollten wissen, ob unser Besuch in der Mine morgen in Potosí ungefährlich sei. Die Blätter verrieten dem Seher, dass wir etwas unter der Höhenkrankheit (Soroche) leiden werden. Nun, angesichts der Tatsache, dass es sich um die höchstgelegene Großstadt der Welt handelt, hätte ich diese Vorhersage genau so gut hinbekommen. Immerhin gab er ansonsten grünes Licht für unser Unterfangen. Ich muss zugeben: ich hatte keine Idee, was wir machen, wenn er uns davor gewarnt hätte. Zurück von der Tour haben wir uns noch ein paar leckere Kutteln und Bratwürste gegönnt, dann ging’s zum Bus-Terminal (s.o.).

Hier noch ein Nachtrag zum Bus: mein Vertrauen in die Buslinie hat etwas abgenommen, seit sich herausgestellt hat, dass hier verschiedene Sitze, u.a. auch unsere, mehrfach vergeben wurden. Nachdem diese Komplikationen geklärt sind (wir haben uns einfach beharrlich geweigert, aufzustehen), geht die Fahrt jetzt endlich los.